Wagner, Richard

Der fliegende Holländer

Fassung 1842-1880, hg. nach dem Text der Richard Wagner-Gesamtausgabe, Klavierauszug

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz 2011
erschienen in: das Orchester 11/2011 , Seite 71

Es ist eigentlich eine etwas absurde Sit­u­a­tion: Die einzige Fas­sung von Richard Wag­n­ers roman­tis­ch­er Oper Der fliegende Hol­län­der, die in ein­er defin­i­tiv­en Form existiert, ist die – noch einak­tige – Urfas­sung des Werks aus dem Jahr 1841.
Die freilich zu Wag­n­ers Lebzeit­en nie auf die Bühne kam. Denn schon vor der Urauf­führung (1843 in Dres­den) teilte der Kom­pon­ist das Stück in drei Akte auf – was natür­lich auch wesentliche musikalis­che Änderun­gen mit sich brachte –, ver­legte die Hand­lung von Schot­t­land nach Nor­we­gen und nahm weit­ere musikalis­che Kor­rek­turen vor. Bis 1880, als er sich das Werk zum let­zten Mal vorknöpfte, gab es dann – meist anlässlich von neuer­lichen Auf­führun­gen – noch zahlre­iche weit­ere und oft auch mas­sive Umar­beitun­gen, wie etwa den 1860 einge­fügten, so genan­nten Erlö­sungss­chluss der Ouvertüre, die nun mit zarten Har­fen­klän­gen statt den vorigen furiosen Akko­r­den zu Ende ging. Eine eigentliche End­fas­sung aber, in der alle Änderun­gen vere­int und vom Meis­ter per­sön­lich abge­seg­net wor­den wären, existiert von dieser Oper nicht.
So beste­ht die Alter­na­tive zur Urfas­sung für Inter­pre­ten und Hör­er also nicht ein­fach in ein­er Fas­sung let­zter Hand, son­dern in sehr vie­len Ver­sio­nen mehr oder weniger let­zter Hand. Oft sind die Unter­schiede zwis­chen ihnen allerd­ings so ger­ing, dass es sich kaum lohnen würde, einen eige­nen Klavier­auszug dafür herzustellen. Deshalb entsch­ied man sich beim Ver­lag Schott, der bere­its 2005 einen Klavier­auszug der Urfas­sung her­aus­gegeben hat­te, in diesem vor­liegen­den Band auf den Par­ti­tur-Erst­druck von 1845 zurück­zu­greifen, jedoch alle später vorgenomme­nen Änderun­gen nach den jew­eili­gen Quellen einzubeziehen. Der Noten­text fol­gt dabei der Richard-Wag­n­er-Gesam­taus­gabe – die Wag­n­ers Inten­tio­nen wesentlich näher sein dürfte als die bish­er gebräuch­liche Par­ti­tur von Felix Wein­gart­ner aus dem Jahr 1897, da sei­ther zahlre­iche Quellen wieder aufge­taucht sind, die Wein­gart­ner nicht zur Ver­fü­gung standen.
Auch rein optisch ist dieser Klavier­auszug ein echter Gewinn – lag doch den meis­ten bish­eri­gen Edi­tio­nen noch das manch­es Mal etwas über­ladene Design aus dem 19. Jahrhun­dert zugrunde. Bei Schott kann man sich über Klarheit und Überblick freuen; um den Preis freilich, dass (ver­mut­lich Com­put­er­pro­gramm-bed­ingt) auf manch­er Seite nur zwei Sys­teme Platz find­en und der verzweifelte Kor­repeti­tor also ständig blät­tern muss. Dezent ange­brachte, aber immer noch gut les­bare Instru­men­ta­tion­sangaben sind immer dort – und nur dort – platziert, wo sich dahinge­hend etwas ändert, also in rechtem Maße verteilt.
Der Hochglanzein­band ist höchst roman­tisch-seestür­misch gestal­tet und entspricht dem Sujet des Inhalts damit aufs Tre­f­flich­ste, und schließlich ist auch die Faden­bindung des Ban­des zu loben, die es einem Pianis­ten zwar ermöglicht, ihn noten­stän­der­tauglich zu knick­en, damit die Seit­en nicht von selb­st zufall­en, aber den­noch eine Lebenser­wartung erhof­fen lässt, welche die Dauer ein­er Pro­duk­tion an einem Opern­haus deut­lich über­schre­it­en sollte.
Andrea Braun