Wagner, Josef M.

Das württembergische Hoforchester im 19. Jahrhundert

Untersuchungen zur Anstellungspraxis

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2005
erschienen in: das Orchester 12/2006 , Seite 79

Dass für eine Studie zu diesem The­ma aus­gerech­net das würt­tem­ber­gis­che Hoforch­ester aus­gewählt wor­den ist, geschah nicht zufäl­lig: Im Unter­schied zu den meis­ten anderen deutschen Büh­nen hat das Stuttgarter The­at­er­ar­chiv den Zweit­en Weltkrieg ohne größere Ver­luste über­lebt. Mit dem ger­adezu uner­schöpflichen Quel­len­ma­te­r­i­al des 19. Jahrhun­derts aus Kor­re­spon­den­zen, Dien­stverträ­gen und weit­eren Per­son­al- und Ver­wal­tungsak­ten kann man sich eben­so gut über die Inten­dan­ten oder das kün­st­lerische Per­son­al (also Sänger und Orch­ester­musik­er) informieren wie über die zahllosen Angestell­ten, die als The­ater­maler, Souf­fleure oder Reini­gungskräfte hin­ter den Kulis­sen und als Karten­verkäufer oder Platzan­weis­er im Pub­likums­bere­ich zum möglichst rei­bungslosen Tagesablauf beitra­gen.
Wer aber meint, dass es kaum etwas Lang­weiligeres als „ver­staubte“ Dien­stak­ten geben kön­nte, der irrt in höch­stem Maß, denn in den his­torischen Doku­menten „men­schelt“ es oft ganz erstaunlich. Und die Verträge offen­baren einen Beruf­sall­t­ag, der von den bis heute gew­erkschaftlich erstrit­te­nen Errun­gen­schaften (etwa die Lohn­fortzahlung im Krankheits­fall) noch weit ent­fer­nt ist. Wie jed­er Arbeit­er oder Angestellte war damals auch der Beruf­s­musik­er „seines Glück­es Schmied“ und musste von sich aus aktiv wer­den, wenn er sich bess­er stellen wollte – eine automa­tisierte Tar­ifer­höhung nach ein­er bes­timmten Anzahl von Dien­st­jahren war noch unbekan­nt.
Josef M. Wag­n­er hat Archiva­lien der Jahre 1816 bis 1891 aus­gew­ertet und berichtet über die erstaunlich häu­fig wech­sel­nden Ver­wal­tungsstruk­turen, wobei nur der König als ober­ster Dien­s­therr unange­tastet blieb. Bei ein­er Neue­in­stel­lung kan­nte die fach­lich eher inkom­pe­tente Bürokratie fast nur ein Ziel: Mit ger­ing­stem finanziellen Aufwand das Funk­tion­ieren des Orch­esters zu garantieren. Doch weil es kein all­ge­mein gültiges Ver­tragsrecht im mod­er­nen Sinn gab, kon­nten auch Aus­nah­men gemacht wer­den, falls man einen bes­timmten Musik­er unbe­d­ingt haben wollte.
Vor diesem Hin­ter­grund darf man eine äußerst span­nende Lek­türe erwarten, und tat­säch­lich hat Wag­n­er eine unge­heure Menge von bish­er wenig erforschtem Mate­r­i­al zusam­menge­tra­gen. Beson­ders das Kapi­tel über die Aus­bil­dungswege des Orch­ester­nach­wuch­ses ist sehr infor­ma­tiv: Hier doku­men­tiert er die wichtige Rolle des Prager Kon­ser­va­to­ri­ums und deckt dabei eine über­raschende mit­teleu­ropäis­che Verbindungslin­ie auf, die noch nicht bekan­nt war. Auch das extra ein­gerichtete Zöglingswe­sen der Stuttgarter Hofkapelle, bei dem die Beruf­s­musik­er den Orch­ester­nach­wuchs oft unent­geltlich auszu­bilden hat­ten, gehört zu den inter­es­san­testen Teilen der Arbeit.
Doch lei­der fehlt eine schlüs­sige Struk­turierung des gesamten Stoffs, bei der sich ein Mosaik­stein zwin­gend zum andern fügt und am Ende den Blick auf ein schlüs­siges Gesamt­bild ermöglicht. Gle­ich­wohl enthält der Band wertvolle, ander­weit­ig bish­er kaum veröf­fentlichte Infor­ma­tio­nen, sodass sich die mitunter beschw­er­liche Lek­türe let­ztlich doch lohnt.
Georg Günther