Bach, Johann Sebastian

Das Wohltemperierte Klavier

arr. für Streichquartett, 2 CDs

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Upsolute Music Records – UMR 125
erschienen in: das Orchester 02/2013 , Seite 69

Das Mod­ern String Quar­tet aus München ist mit dem Kro­nos Quar­tet aus San Fran­cis­co zu ver­gle­ichen: Bei­de haben ein unkon­ven­tionelles Reper­toire, das Jazz und Pop­u­lar­musik ein­schließt. Während das kali­for­nische Quar­tett den Schw­er­punkt in der Neuen Musik set­zte, begann das bay­erische um 1987 zunächst mit Jazz – etwa Duke Elling­ton oder Miles Davis – und wurde so zum Vor­läufer für eine ganze Rei­he Grup­pen in Europa. Doch die Münch­n­er spiel­ten bald auch Zeit­genös­sis­ches von Glass, Zap­pa und Cage neben klas­sis­ch­er Mod­erne von Straw­in­sky, Schostakow­itsch oder Weill. Sie erschlossen sich eben­so Beethoven und Schu­bert, Let­zteren mit eigen­er Lied­bear­beitung. Und sie spiel­ten Bach: 1994 eine CD mit der Kun­st der Fuge. Doch keine falsche Annahme! Das ist kein ver­jaz­ztes Barock, kein „Play Bach“!
Dieser CD ließen der Pri­mar­ius Joerg Wid­moser und seine Kol­le­gen Win­fried Zren­ner (Vio­line), Andreas Höricht (Vio­la) und Jost‑H. Heck­er (Cel­lo) jet­zt ein noch anspruchsvolleres Pro­jekt fol­gen: eine Umset­zung des ersten Ban­des von Bachs Wohltem­periertem Klavier auf dieser Dop­pel-CD. Während die Kun­st der Fuge als vier­stim­miges Werk fast bruch­los aufs Quar­tett über­trag­bar war, bedurfte es nun ein­er Bear­beitung des an die Gren­zen der Auf­führungsmöglichkeit­en gehen­den 48-teili­gen Werks. Es markiert mit 24 Prälu­di­en und Fugen die Essenz von Bachs päd­a­gogis­chem und klavieris­tis­chem Denken. Wid­moser als Bear­beit­er nen­nt die Musik „her­vor­ra­gen­des Übungs­ma­te­r­i­al“ für Stre­ich­er, weil diese auch schwierige Tonarten – etwa Cis-Dur – spie­len müssen. Eine beson­dere Her­aus­forderung war das Arrang­ieren der Prälu­di­en: „Im Orig­i­nal nur zwei- bis vier­stim­mig, war es mein Ziel, grund­sät­zlich einen vier­stim­mi­gen Satz zu schreiben.“ In die Fak­tur der Bach’schen Orig­niale habe er nur einge­grif­f­en, wenn es nötig war. Er hoffe, mit der Bear­beitung (ver­legt bei Edi­tion Rhap­sodie in der Seña Music Group) Musik­ern von Quar­tet­ten Inspi­ra­tion zu bieten.
Der 1722 in Köthen vorgelegte Band I (zum Teil wahrschein­lich früher ent­standen) wirkt – obwohl eher nur als Samm­lung gedacht – wie aus einem Guss. Und so präsen­tieren ihn auch die Münch­n­er. Das eröff­nende C‑Dur-Präludi­um wird bril­lant, zügig vor­ge­tra­gen. Die Fuge erklingt mit großer Klarheit. Das ide­al einge­spielte Quar­tett gestal­tet die Poly­fonie mit weichem Puls, natür­lich ohne romanti­sierendes Ruba­to. Das 3/8‑Präludium in Cis-Dur – kein Tonart-Prob­lem! – wird in tre­f­flichen dynamis­chen Bögen geformt. Bei der Fuge fügen sich die Lin­ien organ­isch wie in gemein­samem Atem: „wohltem­periertes“ Stre­ichquar­tett. Höhep­unk­te sind auch der ern­ste „Gesang“ der Fuge cis-Moll, das rasche D‑Dur-Präludi­um mit ger­ade so viel Vir­tu­osität wie bei Bach erlaubt und dessen tänz­erische Fuge mit dem Charme eines Mozart-Menuetts. Ähn­lich mustergültig ist das G‑Dur-Paar. Und ein ruhiger Satz wie das Präludi­um patheticum b‑Moll strahlt die Wärme ital­ienis­ch­er Ada­gios aus. Das alles ist Kam­mer­musik auf Meis­terkonz­ert-Niveau.
Gün­ter Buhles