Hesse, Corinna

Das Schumann-Hörbuch

Leben in der Musik. Eine klingende Biografie

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Silberfuchs, Tüschow 2010
erschienen in: das Orchester 10/2010 , Seite 69

Am Anfang dieser Pro­duk­tion und ander­er Aktiv­itäten rund um die Schu­mann-Gedenk­jahre 2006 und 2010 stand das, was man gern „poli­tis­chen Willen“ nen­nt. Auf Ini­tia­tive des Beauf­tragten der Bun­desregierung für Kul­tur und Medi­en etablierte sich 2005 in Bonn das Schu­mann-Net­zw­erk mit dem Ziel, „dem großen deutschen Kom­pon­is­ten zu größt­möglich­er öffentlich­er Wahrnehmung zu ver­helfen“. In Zusam­me­nar­beit mit Forschungs- und Gedenkstät­ten in Zwick­au und Düs­sel­dorf sowie mit der Robert-Schu­mann-Gesellschaft ent­standen die Inter­net­foren „schu­man­npor­tal“ und „schumannjahr2010“, mit deren Hil­fe Inter­essierte sich über Ver­anstal­tun­gen zum The­ma Schu­mann weltweit informieren kön­nen. Eine begrüßenswerte Idee.
Schu­mann-Gesellschaft und Schu­mann-Net­zw­erk gehören auch zu den Förder­ern dieser vom Sil­ber­fuchs-Ver­lag pro­duzierten CD, deren Form der des klas­sis­chen Radio-Fea­tures nahe kommt. Zur Kennze­ich­nung ein­er solchen Pro­duk­tion als „Hör­buch“ bedarf es ein­er weitläu­fi­gen Ausle­gung des Begriffs, die allerd­ings – wie aktuelle Beispiele zeigen – heute keine Sel­tenheit mehr ist. De fac­to han­delt es sich um ein rund 80-minütiges, für das Medi­um CD hergestelltes Doku-Hör­spiel, eine Mon­tage aus Fließ­text, Brief- und Tage­buch-Zitat­en – gele­sen von den Schaus­piel­ern Anne Moll und Diet­mar Mues – und zahlre­ichen, sin­nre­ich aus­gewählten Musik­beispie­len.
Autorin Corin­na Hesse, Musikjour­nal­istin und Grün­dungslei­t­erin des Sil­ber­fuchs-Ver­lags, hat einen Text ver­fasst, der Leben, Werk und Charak­ter Schu­manns dur­chaus nicht auf leicht kon­sum­ier­bares Niveau herun­ter­fährt, son­dern der Kom­plex­ität dieses Kün­stler­lebens und sein­er Veror­tung in der his­torischen Sit­u­a­tion der Zeit gerecht zu wer­den ver­sucht. Kri­tis­che Anmerkun­gen kön­nen und sollen sich daher kaum auf die konkrete Pro­duk­tion beziehen. Sie ist in ihrer Art per­fekt: Fach­lich fundiert, besitzt sie (nicht zulet­zt dem Cast­ing der Sprech­er geschuldet) dur­chaus Atmo­sphäre und bietet eine ein­fühlsame Darstel­lung der Kün­stler­welt Robert Schu­manns. Allein: Ist diese Dar­re­ichungs­form geeignet, neue – zumal junge – Schu­mann-Hör­er zu gener­ieren? Was hier kaum gelin­gen kann, ist, Neue­in­steigern ein Gefühl für größere Werkzusam­men­hänge zu ver­mit­teln. Ohne Zweifel wirken sich dra­matur­gisch effek­tvoll einge­blendete Auss­chnitte aus den Kreis­le­ri­ana, der C-Dur-Fan­tasie, den Liederzyklen, der Gen­ove­va oder dem Ora­to­ri­um Das Paradies und die Peri appeti­tan­re­gend aus. Worauf aber richtet sich ein solch­er Appetit? Möglicher­weise auf weit­ere Häp­pchen, nicht aber auf kom­plexe Werke von halb-, ganz- oder mehrstündi­ger Dauer.
Über­legun­gen wie diese sollen den Wert der vor­liegen­den Pro­duk­tion nicht schmälern. Gewiss ver­mag sie zur Steigerung der „öffentlichen Wahrnehmung“ Schu­manns beitra­gen, doch darf Let­ztere nicht gle­ichge­set­zt wer­den mit dem Ver­ste­hen Schumann’scher Musik.
Ger­hard Anders