Andreas Graf
DAS RITUAL
Ein satirischer Blick aus dem Orchesteralltag
Bürki ist keiner, der laut auftritt. Er ist eher ein stiller Genießer, der seine Arbeit im Orchester mit Hingabe und Pflichtbewusstsein erledigt – unauffällig, bescheiden und ohne großes Aufheben.
Sein Hang zu geordneten Tagesabläufen zeigt sich in den Pausen, bei Proben oder Opernvorstellungen. Während seine Kolleg:innen sich in die hauseigene Kantine begeben – irgendwo in den katakombenartigen Kellerräumen des Theaters –, geht Bürki lieber zu Luigi, dem Italiener auf der anderen Straßenseite. Dort, im kleinen, von der Sonne durchfluteten Café, genießt er sein Heißgetränk in aller Ruhe. Seit über zwanzig Jahren taucht er dort auf, als wäre er ein unverrückbarer Teil des Lokals. Kaum hat er sich an die Bar gesetzt, steht auch schon sein Cappuccino vor ihm – ein stilles Ritual, das ebenso zuverlässig funktioniert wie der Taktstock im Orchester. Bürki gehört quasi zur Familie.
Lesen Sie weiter in Ausgabe 1/2026.

