Kiesel (Hg.), Markus

Das Richard Wagner Festspielhaus Bayreuth

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: nettpress, Düsseldorf 2007
erschienen in: das Orchester 10/2007 , Seite 72

Mit der Urauf­führung des Rings wurde das Bayreuther Fest­spiel­haus 1876 eröffnet. Sei­ther ste­ht es als The­ater-Unikat und repräsen­ta­tives Sym­bol Wagner’schen Aus­nah­mewil­lens. Es hat mehrere deutsche Staats­for­men, zwei Weltkriege und 96 Bayreuther Fest­spiele über­standen und ste­ht sta­bil­er da denn je. Längst grund­saniert und tech­nisch auf dem neuesten Stand, in sein­er materiellen Exis­tenz durch eine Stiftung gesichert, beherbergt es immer noch der Deutschen beliebtestes, wo nicht bedeu­tend­stes Fest­spielun­ternehmen. Men­schen aus aller Welt drän­gen sich danach, ein­mal in diesem The­ater mit sein­er einzi­gar­ti­gen Akustik und
Architek­tur gewe­sen zu sein. Nur jed­er Zehnte schafft es, in den Genuss von Ein­trittskarten zu kom­men, der­art gewaltig ist der Ansturm. Richard Wag­n­er hat dieses amphithe­atralisch-demokratisch konzip­ierte Haus, gemein­sam mit vie­len Beratern und Ideenge­bern, vor allem mit den Architek­ten Got­tfried Sem­per und Otto Brück­wald aus utopisch sozial­is­tis­chem wie griechis­chem Geist für sein postrev­o­lu­tionäres „Kunst­werk der Zukun­ft“ ent­wor­fen. König Lud­wig II. von Bay­ern hat finanzielle Starthil­fe geleis­tet.
Merk­würdig genug, dass sich bish­er keine Mono­grafie dieses exzen­trischen Gebäudes annahm, dessen Bauherr bei der Grund­stein­le­gung den sibylin­is­chen Ausspruch tat: „Hier schließ ich ein Geheim­nis ein, da ruh’ es viele hun­dert Jahr’: so lange es ver­wahrt der Stein, macht es der Welt sich offen­bar.“ Markus Kiesel, kaufmän­nis­ch­er Direk­tor der Lud­wigs­burg­er Schloss­fest­spiele, hat jet­zt einen Bild­band her­aus­gegeben, der die Idee und die Entwick­lung der schnörkel­losen Bayreuther „Sche­une“ (die ursprünglich als hölz­ernes, pro­vi­sorisches The­ater gedacht war) zum High­tech-The­ater von heute ver­an­schaulicht. Zum ersten Mal wird dieses Bayreuther Fest­spiel­haus aus allen nur erden­klichen Per­spek­tiv­en fotografiert.
Das Ergeb­nis ist eine faszinierende Bild­doku­men­ta­tion, die 800 zum Teil atem­ber­aubende Fotografien (Außen- wie Innenan­sicht­en) enthält, her­vor­ra­gend
repro­duzierte Fotos, die die ein­ma­lige Architek­tur dieses Haus­es neu beleucht­en. Inter­views mit Wolf­gang Wag­n­er, Har­ry Kupfer und Pierre Boulez, aber auch infor­ma­tive Texte zu Wag­n­ers Fest­spielidee, zu Baugeschichte, Architek­tur, Büh­nen­tech­nik und Innen­deko­ra­tion machen das zweis­prachige (deutsch/englisch), schön gebun­dene Buch zu einem opu­len­ten Nach­schlagew­erk.
Dieter David Scholz