Das Mozarteumorchester Salzburg

Einer der ältesten Klangkörper der Welt

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Müry Salzmann, Salzburg 2016
erschienen in: das Orchester 11/2016 , Seite 56

Ein­mal hat das Mozar­teu­morch­ester echte Pio­nier­ar­beit geleis­tet: Das war in den 1970er Jahren, Leopold Hager war damals Orch­esterchef. Im Rah­men der Mozart­woche hat man erst­mals Mozarts Jugen­dopern in den Fokus gerückt. Diese Episode ist natür­lich auch The­ma in dieser Buch­pub­lika­tion zum Jubiläum. Aber wie alt ist das Mozar­teu­morch­ester nun wirk­lich? Wenn man es angin­ge wie die Staats­kapelle Dres­den, die ihre ellen­lange Geschichte direkt auf Hein­rich Schütz zurück­führt, da hät­ten die Salzburg­er Kol­le­gen noch viel, viel bessere Karten. Denn seit den Zeit­en Pil­grims II., genau seit 1393, gibt es ei­ne Hofkapelle in Salzburg. „Es könn­te das älteste Orch­ester der Welt sein…“, heißt ein Zwis­chen­ti­tel in den aus­führlichen his­torischen Betra­ch­tun­gen von Got­tfried Kas­parek.
Aber wann schreibt man für das Mozar­teu­morch­ester nun wirk­lich den Beginn fest? Namen wie „Mozar­teums-Orch­ester“, „Mozar­teum Orch­ester“ oder (aktuell) „Mo­zarteumorchester“ sind seit 1909 üblich. „Hält man es für wichtiger, dass ein sym­phonis­ches Orch­ester aus pro­fes­sionellen, angestell­ten Musik­erin­nen und Musik­ern beste­ht, so wäre das ominöse Jahr 1939 das eigentliche Grün­dungs­jahr“, schreibt Kas­parek. Die Beze­ich­nung „Gau-Sin­fonieorch­ester“ ist dem Ensem­ble damals erspart geblieben, wohl weil Mozart im Namen wichtiger war als die Ide­olo­gie.
Wenn heuer das Mozar­teu­morch­ester sein 175-jähriges Beste­hen feiert, ste­ht aber ein ganz anderes Datum dahin­ter: 1841, Geburtsstunde eines Vere­ins mit dem abson­der­lichen Namen „Dom­musikvere­in und Mozar­teum“. Was in Salzburg auf Tra­di­tion pocht, hakt mehr oder weniger begrün­det dort ein: der Dom­chor, die Uni­ver­sität Mozar­teum, die Stiftung Mozar­teum und eben auch das Orch­ester. Got­tfried Kas­parek sieht das dur­chaus kri­tisch: „Was in Wien 1842 ins Leben gerufen wurde, war eine Kon­zertvereinigung, die aus hoch pro­fes­sionellen Mit­gliedern des Hofoper­norch­esters bestand. In Salzburg wurde gar kein Orch­ester gegrün­det, son­dern die beste­hende Dom­musik mit der neuen Musikschule Mozar­teum und der sich abze­ich­nen­den Mozart-Stiftung vere­inigt.“
Diesen Unter­schied beschreibt aus ander­er Per­spek­tive auch der Salzburg­er Musikjour­nal­ist Karl Harb, der das ein­lei­t­ende Feuil­leton geschrieben hat: Auch er schildert den dur­chaus spät ein­set­zen­den  Emanzi­pa­tion­sprozess eines bis
in die 1970er Jahre hinein „dienen­den“ Orch­esters (im Lan­desthe­ater, bei der lokalen Kul­turvere­ini­gung). „Das Mozar­teu­morch­ester musste also qua­si aus sich selb­st her­aus wach­sen, um in ein­er her­aus­fordern­den Gegen­wart selb­st­be­wusst anzukom­men und so zu beste­hen, wie es seinem kon­tinuier­lich erwor­be­nen Rang angemessen ist.“ Heuer spielte es bei den Salzburg­er Fest­spie­len immer­hin Così fan tutte.
Für die Qual­itätssprünge der ver­gan­genen zwei Jahrzehnte sind die Chefdiri­gen­ten Hubert Soudant (ein gediegen­er Proben-Arbeit­er) und der wendi­ge Ivor Bolton ver­ant­wortlich. Mit ihm hat das Orch­ester nicht nur his­torische Informiertheit gediegen umzuset­zen gel­ernt, son­dern auch fast alle Bruck­n­er-Sin­fonien auf CD einge­spielt.
Rein­hard Kriech­baum