Konstanzia, Gordana

Das Leichte und das Schwere

Musikstruktur, Maß und Diktion

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Zentrum für Musik, Metrik, Maß, Wien 2007
erschienen in: das Orchester 09/2008 , Seite 62

Je gutwilliger der Leser ist, desto mehr Ver­legen­heit­en bere­it­et ihm dieses Buch. Ein­er­seits wid­met es sich mit großem per­sön­lichen Engage­ment einem schwieri­gen, in jed­er Inter­pre­ta­tion neu anste­hen­dem Prob­lem, zudem einem, bei dessen Behand­lung The­o­rie und Prax­is jew­eils neu zueinan­der find­en müssen; ander­er­seits hält die Ver­fasserin wenig von, seit Jahrhun­derten geleis­teten Vorar­beit­en und nährt den Ver­dacht, sich als Ruferin in der Wüste auf­spie­len zu wollen. Ein­er­seits schreibt sie ad usum del­phi­ni, etwa bei der Über­set­zung geläu­fig­ster Fachter­mi­ni, ander­er­seits prä­tendiert sie, u.a. in kul­tur­the­o­retis­chen Exkursen oder pauschaler Kri­tik an der Musik­wis­senschaft, eine Kom­pe­tenz, die eher den Spezial­is­ten meint.
Gewiss tut jedem Sachge­bi­et eine unbe­fan­gene Annäherung gut, welche ter­mi­nol­o­gisch aus­ge­tretene Pfade zunächst mei­det – Begriffe pfle­gen unsere Denkweisen ja auch zu kanal­isieren. Indessen ste­ht es in diesem Bere­ich um ein­schlägige Kat­e­gorien nicht so schlecht; führt man neue ein – „DynaMetrik“, „metrisch­er Raum“ etc. –, dann soll­ten sie genau definiert, sollte ihr Ver­hält­nis zu den geläu­fi­gen the­ma­tisiert wer­den. So bleibt z.B. bei der Betra­ch­tung dekla­ma­tiv­er Schw­eren deren Ver­hält­nis zur nor­ma­tiv­en Peri­odik ungek­lärt; Antworten auf die Frage, wo sie diese bestäti­gen bzw. ihr ent­ge­gen­wirken, ver­sprächen im Hin­blick auf die Begriffe wie auf die Gegen­stände Klärun­gen, an denen der Autorin gele­gen sein müsste.
Das Unbe­ha­gen des Lesers wächst, wenn sie en pas­sant fragt, ob „Picas­so, der ganz unge­niert in den Gesichtern klotzige Ver­schiebun­gen malte“, dafür ver­ant­wortlich sei, dass „auch all­ge­mein in der Musik ein fröh­lich­es Demon­tieren der ele­mentaren Grund­sätze salon­fähig bzw. büh­nen­fähig gewor­den ist“. Es wächst um so mehr, als sich damit ein rechthaberisch­er Habi­tus bestätigt, der Bezugspunk­te und Belege sucht bzw. ignori­ert, wo und wie er sie braucht. Noch die Dik­tion bestätigt das – kon­tinuier­liche Gedanken­führung und Argu­men­ta­tion tritt hin­ter der Rei­hung apodik­tis­ch­er Behaup­tun­gen zurück. Und was im Sinn des Anliegens am dringlich­sten erscheint: schlüs­sige Ein­lö­sung und Exem­pli­fika­tion der The­o­rie anhand der musikalis­chen Beispiele, bleibt weit­ge­hend auf der Strecke; sel­ten sind die Befunde so ein­deutig, dass sie mith­il­fe der auf Seite 51 aufge­führten Sym­bole hin­re­ichend erk­lärt wer­den kön­nten.
So lohnt es kaum, sprach­liche Uneben­heit­en und man­gel­nde Ken­nt­nis der Kom­maset­zung einzuk­la­gen oder ver­wun­dert zu sein, dass Hein­rich Christoph Koch in Rudolf­s­tadt anstatt Rudol­stadt ange­siedelt und die Schild­kröte aus Saint-Saëns’ Karneval der Tiere herange­zo­gen wird ohne Hin­weis auf das iro­nis­che Zitat des berühmtesten Can­cans aller Zeit­en.
Dass die Ver­fasserin an einen wun­den Punkt rührt, ste­ht außer Frage – ein solch­er war er wohl, seit rhetorische bzw. prosodis­che Aspek­te in Vergessen­heit geri­eten; dass sie den für eine Betra­ch­tung hier­aus erwach­senden Kred­it nicht genutzt hat, ist bedauer­lich.
Peter Gülke