Hindemith, Paul

Das lange Weihnachtsmahl

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Wergo WER 6676 2
erschienen in: das Orchester 02/2006 , Seite 85

Als Sujet für seine let­zte Oper wählte Paul Hin­demith den Text eines der bedeu­tend­sten amerikanis­chen Dra­matik­er des 20. Jahrhun­derts: Thorn­ton Wilders Einak­ter The Long Christ­mas Din­ner. Hin­demith war sofort von dem Stoff gefes­selt, real­isierte jedoch, dass er sich nicht unmit­tel­bar für ein Opern­li­bret­to ver­wen­den ließ. Wilder sein­er­seits reagierte auf Hin­demiths Vorschlag, den Einak­ter umzuar­beit­en, nicht nur wohlwol­lend, son­dern sog­ar begeis­tert, und so kam es zu ein­er engen Zusam­me­nar­beit der bei­den Kün­stler. Nach Vol­len­dung des Libret­tos fer­tigte Hin­demith noch eine deutsche Über­set­zung an.
Bei sein­er Urauf­führung in Mannheim am 17. Dezem­ber 1961 – der Kom­pon­ist selb­st stand am Pult – stieß Das lange Wei­h­nachts­mahl auf keine allzu begeis­terten Reak­tio­nen bei Pub­likum und Presse. Hin­demiths Musik wurde zu ein­er Zeit des grassieren­den Mate­ri­alfetis­chis­mus ohne­hin ungnädig beurteilt, doch es war auch das Sujet, dem all­ge­meine Rat­losigkeit ent­ge­gen­schlug: The­ma der Oper – und von Wilders Schaus­piel – ist der Ver­lauf der Zeit und des men­schlichen Lebens in immer wiederkehren­den Rit­ualen, dargestellt in Form eines über neun­zig Jahre währen­den Wei­h­nachts­mahls im Haus der amerikanis­chen Fam­i­lie Bayard. Gen­er­a­tio­nen kom­men und gehen, Kinder wer­den geboren, ziehen hin­aus ins Leben und ster­ben irgend­wann. Doch die Natur der Dinge ändert sich let­ztlich nicht – nach dem Ende der Oper, wenn nur noch eine einzige Über­lebende in dem Haus verblieben ist, wird das Wei­h­nachts­mahl an einem anderen Ort fort­ge­set­zt wer­den, mit anderen Teil­nehmern, in der­sel­ben Form.
Diese Art des nicht ziel­gerichteten Zeitver­laufs hat­te Hin­demith bere­its in der Har­monie der Welt the­ma­tisiert, im Lan­gen Wei­h­nachts­mahl wird sie allein­be­herrschend; die Melan­cholie des Stoffs find­et ihre Steigerung im ohne­hin res­ig­na­tiv­en Charak­ter von Hin­demiths Spät­stil, der in der Oper noch gesteigert erscheint. Eine glanzvolle Kar­riere auf der Bühne ist dem Lan­gen Wehnachts­mahl bis­lang nicht beschieden gewe­sen, was sich sowohl durch den betont elegis­chen und undrama­tis­chen Charak­ter der Musik begrün­det als auch durch die ungün­stige Länge des Werks – es dauert lediglich eine gute Dreivier­tel­stunde, sodass es höch­stens in Gesellschaft ein­er anderen Kur­zop­er aufge­führt wer­den kön­nte.
Umso erfreulich­er ist es, dass nun die Erstein­spielung des Lan­gen Wei­h­nachts­mahls in deutsch­er Sprache vor­liegt. Hat man sich erst ein­mal in die so unspek­takuläre Ton­sprache einge­hört, wird man viele Schön­heit­en ent­deck­en; vor allem die Ensem­bles gehören zum Schön­sten, was Hin­demith in seinen let­zten Leben­s­jahren zu Papi­er brachte. Wie schon bei der Gesam­tauf­nahme der Har­monie der Welt (Wer­go 6652 2) zeich­net Marek Janows­ki als kün­st­lerisch­er Leit­er ver­ant­wortlich, und sän­gerisch ist dies­mal alles zum Besten ger­at­en; Ruth Ziesak (in der Dop­pel­rolle der bei­den Lucias) und Arutjun Kot­chin­ian seien stel­lverte­tend her­vorge­hoben. Hier wurde eine schmer­zliche disko­grafis­che Lücke mehr als zufrieden stel­lend geschlossen.
Thomas Schulz