Martin Tröndle (Hg.)

Das Konzert III

Stimmen aus dem Publikum

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: transcript Verlag
erschienen in: das Orchester 4/2026 , Seite 70

Diese Selektion aus insgesamt 79 Interviews mit 136 Befragten entstand im Rahmen des Projekts Experimental Concert Research. Sie folgt den Bänden Neue Aufführungskonzepte für eine klassische Form (2009) und Beiträge zum Forschungsfeld der Concert Studies (2018). Anlass waren zwei Streichquintett-Konzerte im Jahr 2022 mit Ludwig van Beethovens op. 104 c-Moll, Brett Deans Epitaphs (2010) und Johannes Brahms’ op. 111 C-Dur im Pierre Boulez Saal und im Radialsystem Berlin. Der Fragenkatalog beinhaltete neben Programm und Performance auch Wahrnehmungen zur Atmosphäre und zur Spannungsdynamik sowie Eindrücke, die man für mitteilenswert hält. Gezielt wurden Personen unterschiedlichen Alters angesprochen. Alle Ergebnisse und Texte sind auf der Plattform https://experimental-concert-research.org verfügbar und werden dort zur Basis von Einzeluntersuchungen. Das Positive an diesem Unternehmen ist offensichtlich: Endlich kommen jene Personen in gebührendem Maße zu Wort, welche Daseinsberechtigung und Grund des „klassischen Konzerts“ sind. Dessen vielerorts erwähnte „Krise“ mit Aspekten wie Rückgang und Überalterung des Publikums nimmt das Projekt als soziokulturelle Transformation wahr.
Generell war die Wertschätzung der Befragten sehr hoch für die Konzertorte und das Programm von 60 Minuten mit zwei „traditionellen“ Werken, welche eine zeitgenössische Komposition einrahmten. Trotzdem entsteht bei der Lektüre – wie bei Interviewprotokollen aus anderen Themenbereichen – mitunter der Eindruck, dass die umsichtigen und wertschätzenden Antworten nicht immer das erfassen, was für Interpret:innen, Management und Audience Development tatsächlich essenziell wäre. Ein Befragter (männlich, 24 Jahre, ein bis zwei Konzertbesuche im Jahr) bildet die vom vorherrschenden Sachstil authentisch unterscheidende Ausnahme: „Ich dachte erst, es wäre eine klassische Oper, vielleicht mit einem bisschen dicklicheren Opernsänger. […] Diese Geigen waren mir ein bisschen zu hoch und zu quietschig. Ich habe mich da eher auf etwas Entspannendes eingestellt.“ Ehrliche Antworten nach dem, was einzelnen Hörer:innen während des Konzerts durch den Kopf geht, dürften ebenfalls wenig zufriedenstellend sein.
Zudem fällt das Fehlen konkreter Fragen auf, welche Impulse aus dem Einzelkonzert für weitere Besuchs- und Beschäftigungsanreize kenntlich machen. Etwa: „Würden Sie nach diesem Konzert für ein ähnliches Programm den regulären Eintrittspreis entrichten?“ bzw. „Würden Sie die erklungenen Werke online nochmals hören wollen oder einen Tonträger mit diesen erwerben?“
Roland Dippel

 

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