Szeskus, Reinhard

Das Deutsche Volkslied

Geschichte, Hintergründe, Wirkung

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Florian Noetzel, Wilhelmshaven 2010
erschienen in: das Orchester 02/2011 , Seite 67

Rein­hard Szeskus, Jahrgang 1935 und Musikpro­fes­sor, hat sich eine wahrhaft große und anspruchsvolle Auf­gabe gestellt. Auf 318 Seit­en stellt er deutsche Volk­slieder, ihr his­torisches Umfeld, Tex­ter, Kom­pon­is­ten und wichtige Samm­ler vor, lotet in „Ein­schüben“ einzelne Aspek­te (z.B. „Merk­male des älteren deutschen Volk­sliedes“) tiefer aus, befasst sich ins­beson­dere mit wichti­gen Per­sön­lichkeit­en des 19. Jahrhun­derts und erörtert Wirken und Wirkung der musikalis­chen Jugend­be­we­gung bis in die Zeit des Nation­al­sozial­is­mus.
Szeskus ver­ste­ht es, die unge­heure Fülle an Fak­ten, die vie­len Hin­weise und his­torischen Quer­bezüge durch die Gliederung in rel­a­tiv kurze Kapi­tel und durch eine Fülle an Text- und Noten­beispie­len sowie durch infor­ma­tive Schwarz-weiß-Abbil­dun­gen leser­fre­undlich zu bändi­gen. Hinzu kommt die klare Sprache, die deut­lich macht, dass hier ein Autor am Werk ist, der es nicht nötig hat, seine her­aus­ra­gende fach­liche Kom­pe­tenz durch fach­sprach­lich­es Imponierge­habe zu unter­stre­ichen.
Szeskus geht his­torisch vor, er erörtert kurz das karge Wis­sen über die Musik der Ger­ma­nen, wen­det sich dann dem Kinder­lied als Träger von Mythen mit ger­man­is­chen Wurzeln und dem Kirchen­lied im Ver­hält­nis zum Volks­ge­sang zu. Die fol­gen­den Kapi­tel befassen sich mit den alten Bal­laden und ver­schiede­nen Liedgat­tun­gen. Neun hand­schriftliche Lied­samm­lun­gen wer­den vorgestellt. Es fol­gen Einzel­darstel­lun­gen von Kom­pon­is­ten – und schließlich die Jugend­be­we­gung und ihr Ver­hält­nis zu Rund­funk, Schule und Neuer Musik, um die Jugend­bünde, die Arbeit­er­ju­gend und den Nation­al­sozial­is­mus. Im Anhang find­en sich eine Samm­lung vom Autor aus­gewählter Volk­slieder, ein aus­führlich­es Lit­er­aturverze­ich­nis, ein Per­so­n­en­reg­is­ter und ein Verze­ich­nis aller im Buch erwäh­n­ter Lieder, welche den Gebrauch­swert der Veröf­fentlichung noch steigern.
Um sich ein­er so großen Auf­gabe stellen zu kön­nen und sie wie der Autor zu meis­tern, bedarf es ein­er starken Moti­va­tion. Szeskus’ Moti­va­tion ist eine zweifache: Zum einen geht es ihm um den Erhalt dessen, was er als Grund­lage unser­er musikalis­chen Kul­tur erken­nt, ohne die das Werk eines Mozart, Haydn oder Bach nicht denkbar wäre. Zum anderen argu­men­tiert er päd­a­gogisch, wenn er das Ver­schwinden des Volk­slieds und damit unser­er nationalen Musikkul­tur aus den Fam­i­lien beklagt: „…das Volk­slied als Gradmess­er für das All­t­agsleben des deutschen Volkes in der Ver­gan­gen­heit. Es zu ken­nen ist eine Voraus­set­zung für die Wertschätzung unser­er Nach­barvölk­er in europäis­chen Raum. Je mehr wir unser Volk­slied besitzen und sin­gen, desto bess­er ver­mö­gen wir das Liedgut unser­er Nach­barn zu acht­en.“
Szeskus ist in einem pos­i­tiv­en Sinne ein Kon­ser­v­a­tiv­er, der mit seinem Buch gegen die Ver­flachung in den Medi­en, gegen die Dom­i­nanz des schnel­llebi­gen Rock- und Pop­musik­mark­ts anschreibt. Mag er auch hier und da irren, so hat er doch Recht damit, dass dem Volk­slied seit eini­gen Jahrzehn­ten in Schule und Hochschule zu wenig Raum gegeben wird. Das Buch kann hier einen wichti­gen Beitrag zur Abhil­fe leis­ten und eine hil­fre­iche Infor­ma­tion­squelle für jeden Musik­lehrer sein. Ein sorgfältig ediertes, wun­der­bares Lese- und Musizier­buch ist es alle­mal.
Wolf­gang Koperski