Ravel, Maurice

Daphnis et Chloé Suite No. 2/Valses nobles et sentimentales/La Valse/Ma Mère L’Oye

Rubrik: CDs
Verlag/Label: EMI 50999 9 66342 2 6
erschienen in: das Orchester 07-08/2010 , Seite 67

Dem Vernehmen nach wusste er schon mit zehn Jahren, dass er Diri­gent wer­den wollte, und er hat seinen Beruf­swun­sch mit unfehlbar­er Ziel­stre­bigkeit ver­fol­gt: Yan­nick Nézet-Séguin, 1975 in Mon­tre­al geboren. In der let­zten Zeit ist der Kanadier in aller Munde: 2008 gab er mit Goun­ods Roméo et Juli­ette sein viel beachtetes Debüt bei den Salzburg­er Fest­spie­len, und im sel­ben Jahr wurde er als Nach­fol­ger von Valery Gergiev Chefdiri­gent der Rot­ter­damer Phil­har­moniker.
Dass mit ihm auch in Zukun­ft zu rech­nen sein wird und dass sich darüber hin­aus das hol­ländis­che Orch­ester zu den bemerkenswertesten europäis­chen Klangkör­pern entwick­elt hat, zeigt sich anhand der vor­liegen­den CD – der ersten ein­er ganzen Rei­he, die bei der EMI mit Nézet-Séguin geplant sind. Die Auswahl Ravel’scher Orch­ester­w­erke, die er mit seinem Orch­ester hier vor­legt, mag auf den ersten Blick wenig Über­raschun­gen zeit­i­gen, macht aber den­noch Sinn, denn zum einen zählt der franzö­sis­che Meis­ter zu den Kom­pon­is­ten, die Nézet-Séguin schon als Kind faszinierten, zum anderen bietet die Musik – es han­delt sich durch­weg um der Sphäre des Bal­letts entstam­mende Par­ti­turen – dem Diri­gen­ten reich­lich Gele­gen­heit, sein untrüglich­es Gespür für fein zise­lierte Rhyth­men unter Beweis zu stellen. Man höre etwa den let­zten Satz der – hier in der reinen Orch­ester­fas­sung ohne Chor einge­spiel­ten – zweit­en Suite aus Daph­nis et Chloé, wo sich ein unabläs­siger Sog entwick­elt, ohne dass die man­nig­fachen orches­tralen Details dem großen Bogen unter­ge­ord­net wür­den.
Nézet-Séguin befol­gt in seinem Diri­gat das Gebot der „clarté“, wie es für franzö­sis­che Musik im All­ge­meinen und beson­ders für die Musik Rav­els so wichtig ist. So erstrahlen die regen­bo­ge­nar­ti­gen Far­ben im ersten Satz der erwäh­n­ten Suite in ger­adezu drei­di­men­sion­aler Tiefen­schärfe. Doch auch die hin­ter ein­er per­fek­ten Ober­fläche ver­bor­gene Warmherzigkeit und Melan­cholie der Ravel’schen Ton­sprache kom­men bei Nézet-Séguin zu ihrem Recht, etwa in Ma Mère l’Oye (der Diri­gent bevorzugt auch hier die Suit­en­fas­sung) oder den Valses nobles et sen­ti­men­tales mit ihrem unwirk­lich verdäm­mern­den Epi­log.
Das Orch­ester voll­bringt durch­weg Höch­stleis­tun­gen, vor allem die Holzbläs­er. Woran es lediglich man­gelt, ist die Klang­w­er­dung der dun­klen, dämonis­chen Seit­en der Musik, wie sie vor allem La Valse prä­gen, jenen katas­trophis­chen Abge­sang auf die (nicht nur Wiener) Walz­erseligkeit. So klug Nézet-Séguin auch disponiert, ver­misst man hier doch jenen fatal­en Sog, der direkt in den Unter­gang führt. Zu leich­füßig und harm­los ist die finale Steigerung angelegt, was durch ein eigentlich neben­säch­lich anmu­ten­des Detail noch ver­stärkt wird: Die dröh­nen­den, Tod und Zer­störung sym­bol­isieren­den Tam­tam­schläge sind kaum zu vernehmen. Auch durch die bewegten Teile der Valses nobles, in denen eben­falls tief­ere Dimen­sio­nen hör­bar wer­den soll­ten, steuert Nézet-Séguin manch­mal ein klein wenig zu kur­sorisch. Doch ins­ge­samt ver­mag diese erste akustis­che Frucht ein­er viel ver­sprechen­den Zusam­me­nar­beit dur­chaus zu fes­seln.
Thomas Schulz