Olbrisch, Franz Martin

Craquelé / Grain / flöte, sounds & live-electronics / coupures de temps …

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Wergo WER 6799-2
erschienen in: das Orchester 10/2014 , Seite 75

„Ich habe für mich das Bild entwick­elt“, ver­rät der 1952 geborene Kom­pon­ist Franz Mar­tin Olbrisch im Book­let der vor­liegen­den CD, „dass ein Musik­stück wie eine Skulp­tur ist: Man kann sie nicht nur von ein­er Seite betra­cht­en, son­dern man kann drumherum gehen und sieht dabei immer wieder andere Aspek­te.“ Bei Olbrischs Werken muss der Zuhör­er, um im Bilde zu bleiben, sehr nah an die Musik „herange­hen“. Denn die Schön­heit von fil­igra­nen Struk­turen und von zarten Klän­gen erschließt sich erst, wenn man die Ohren sehr weit öffnet. Craque­lé z.B., ein rund 18 Minuten dauern­des Stück für Sin­fonieorch­ester, wirkt wie ein langsamer Gang an fein gesponnenen Tex­turen ent­lang. Es begin­nt mit einem knapp 30 Sekun­den dauern­den Klangkom­plex, an dem alle Instru­menten­grup­pen mit winzi­gen Gestal­ten beteiligt sind. Dieser Auss­chnitt aus ein­er größeren Klang­land­schaft wird dann mit stets wech­sel­nder Beleuch­tung erkun­det: Manch­es tritt schär­fer her­vor, anderes gerät in Hin­ter­grund. In dieser Weise tastet sich die Musik voran, immer mit ein­er faszinieren­den Mis­chung aus Sta­tik und Verän­derung. Nach eini­gen Minuten befind­et man sich auf völ­lig verän­dertem Ter­rain, die Musik ist aus­gedün­nt bis auf oszil­lierende Flöten­klänge, eine Solo-Vio­line in hoher Lage, Ein­sprengsel im tiefen Reg­is­ter durch Kon­trafagott und Tuba sowie einen im mikro­tonalen Bere­ich mäan­dern­den Kon­tra­bass. Auch diese Sit­u­a­tion zieht langsam am Rezip­i­en­ten vor­bei. Musik dieser Art will den Hör­er nicht über­wälti­gen, son­dern zum wachen Hin­hören ver­leit­en. Dazu trägt ein Orch­ester­satz bei, der ganz auf Trans­parenz und Durch­hör­barkeit set­zt.
Trotz­dem bleibt die Schwierigkeit, wenn nicht Unmöglichkeit für den Hör­er, alles gle­ichzeit­ig  wahrzunehmen. Was von Olbrisch dur­chaus gewollt ist. Mit der Vorstel­lung eines autonomen, voll­ständi­gen Sinn erzeu­gen­den Kunst­werks kann der an der Hochschule für Musik in Dres­den lehrende Kün­stler näm­lich nicht viel anfan­gen. Als The­o­retik­er sein­er selb­st spricht er lieber von „Möglichkeit­sräu­men“, von „Irri­ta­tio­nen mit noch offe­nen Anschlussentschei­dun­gen“ oder von der Ver­ab­schiedung „lin­earen“ zugun­sten „zirkulären“ Hörens. Diese Offen­heit schlägt sich auch in der Ver­wen­dung von Mul­ti­phon­ics, kom­pliziert­er Polyrhyth­mik oder Ton- bzw. Geräuschbil­dun­gen nieder, deren Ergeb­nisse nicht gän­zlich kon­trol­lier­bar sind. Zugrunde liegen der Musik allerd­ings ratio­nal fass­bare Gliederun­gen. Die Klang­welt von Craque­lé etwa beruht auf „gestreck­ten oder ges­taucht­en Ober­ton­spek­tren, die in Kom­bi­na­tion mit Zeitver­läufen, die aus Zahlen­rei­hen gener­iert wur­den, mehrere poly­phone Schicht­en und eine weit­ge­hend mikro­tonale Inter­val­lik aus­bilden“, schreibt Leonie Juliane Reineke in ihrem erhel­len­den Book­let-Beitrag. Craque­lé ent­stand 2010 als Auf­tragswerk des Hes­sis­chen Rund­funks. Zusam­men mit drei weit­eren Stück­en – Grain für großes Orch­ester, flöte, sounds & live-elec­tron­ics sowie coupures de temps … für Kam­merensem­ble und Live-Elek­tron­ik – bietet die CD ein auf­schlussre­ich­es Porträt des Kom­pon­is­ten Franz Mar­tin
Olbrisch, dessen Œuvre allerd­ings weitaus vielfältiger ist. Mehr Infos, u.a. auch PDFs von Par­ti­turen, find­en sich auf der Web­site des Kom­pon­is­ten www.olbrisch.eu/home.html.
Math­ias Nofze