Hilmes, Oliver

Cosimas Kinder

Triumph und Tragödie der Wagner-Dynastie

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Siedler, München 2009
erschienen in: das Orchester 07-08/2010 , Seite 61

Die schillernde Kom­pon­is­ten-Witwe Cosi­ma Wag­n­er ste­ht im Mit­telpunkt ein­er dif­feren­zierten Betra­ch­tung der kom­plizierten Wag­n­er-Dynas­tie von Oliv­er Hilmes, der als Wun­derkind unter den deutschen Biografen gilt. Im Bayreuther Fam­i­lienkrieg treten als Rivalen vor allem Isol­de und Franz Bei­dler auf sowie als „Ein­flüster­er“ Eva und Hous­ton Stew­art Cham­ber­lain. Es gelingt dem Autor, psy­chol­o­gis­che Momente tre­ff­sich­er darzustellen. Obwohl Franz Bei­dler als Schwiegersohn Cosi­ma Wag­n­ers als her­vor­ra­gen­der Pianist galt, kon­nte er in Bayreuth offen­sichtlich nie richtig Fuß fassen. Cosi­ma Wag­n­er kon­nte ihrer Tochter Isol­de die Liai­son den­noch nicht ausre­den, obwohl sie offen von ein­er Ehe mit Franz abri­et.
Man hätte über die Ehe der Bei­dlers gerne noch mehr Details erfahren, doch Oliv­er Hilmes wid­met in sein­er „Biografie“ Eva und Hous­ton Stew­art Cham­ber­lain wesentlich mehr Aufmerk­samkeit. Nun war Cham­ber­lain von bei­den Schwiegersöh­nen Cosi­ma Wag­n­ers ein­deutig der gefährlichere. Eva Wag­n­er lernte ihren späteren Mann rel­a­tiv spät ken­nen – näm­lich erst mit 41 Jahren, was zur dama­li­gen Zeit als Makel galt. Die Urauf­führung des Par­si­fal 1882 wurde für Cham­ber­lain zum Erweck­ungser­leb­nis, was Hilmes detail­liert und ken­nt­nis­re­ich schildert. Im März 1885 veröf­fentlichte Cham­ber­lain in der von ihm mit­be­grün­de­ten Paris­er Revue Wag­ne­r­i­enne seinen ersten Artikel über Richard Wag­n­er und dessen Werk – viele weit­ere soll­ten fol­gen. Der spätere Schwiegersohn soll sog­ar mehr als der jugendliche Verehrer der „Meis­terin“ gewe­sen sein. Hilmes gelingt es jeden­falls, die zuweilen schon fast dämonis­che Sug­ges­tion­skraft des Englän­ders deut­lich wer­den zu lassen, der auf Adolf Hitler einen enor­men Ein­fluss ausübte. Mit seinem Buch Die Grund­la­gen des 19. Jahrhun­derts wurde Cham­ber­lain zum Pro­tag­o­nis­ten ein­er ange­blich „wis­senschaftlichen“ Rassen­lehre.
Musik, Macht und Poli­tik vere­inigt sich bei Hilmes hin­sichtlich der Beziehun­gen Adolf Hitlers zur Fam­i­lie Wag­n­er. Frontver­läufe und neue Allianzen wer­den dabei genau beleuchtet. Noch klar­er kon­turi­ert als Hitlers ver­schrobenes Ver­hält­nis zu Winifred und Siegfried Wag­n­er (für dessen Homo­sex­u­al­ität Hilmes etwas unglück­liche Worte find­et) wird in dieser doch recht außergewöhn­lichen Biografie der Bayreuther Fam­i­lienkrieg um die „Tan­ten im Abseits“ beschrieben. Gemeint sind Eva und Daniela, die gegen Hitler und Winifred Wag­n­er einen Protest­sturm insze­nierten, weil sie den Par­si­fal zum ersten Mal nicht mehr in der ursprünglichen Fas­sung von 1882 zeigen woll­ten. Es ging bei dieser Auseinan­der­set­zung vor allem um Eit­elkeit­en, Macht, Ein­fluss und viel Geld, was Hilmes ein­dringlich beschreibt. Noch mehr hätte man allerd­ings gerne über den aktuellen Führungswech­sel in Bayreuth gele­sen, denn mit Eva und Katha­ri­na Wag­n­er gibt es ja nun erst­mals ein weib­lich­es Führungs­duo. Es bleibt zu hof­fen, dass sie die Tra­di­tion Wieland und Wolf­gang Wag­n­ers (wenn natür­lich auch auf ander­er Ebene) fort­set­zen wer­den. Der Kampf Nike Wag­n­ers, die zusam­men mit Gérard Morti­er für die Bayreuther Fest­spiel­nach­folge antrat, wird nicht ein­mal erwäh­nt.
Alexan­der Walther