Conciertos festivos para guitarra y orquesta

Werke von Carlos Alberto Vázquez, Ernesto Cordero, Alfredo Rugeles, Diana Arismendi

Rubrik: CDs
Verlag/Label: eco@prtc.net
erschienen in: das Orchester 06/2007 , Seite 82

Musikalis­che Früherziehung als Waffe im Kampf gegen Vere­len­dung der Jugend? In Venezuela prak­tiziert man dies mit großem Erfolg und demon­stri­ert den Herkun­ft­slän­dern der klas­sis­chen Konz­ertkul­tur, wie Bil­dungspoli­tik funk­tion­ieren kön­nte. Der Staat hat dort die Möglichkeit­en der Musik erkan­nt Iden­tität zu stiften und fördert über die „Fun­dación del Esta­do para el Sis­tema Nacional de las Orques­tas Juve­niles e Infan­tiles de Venezuela“ den kün­st­lerischen Nach­wuchs in den sozial benachteiligten Bevölkerungss­chicht­en. Etwa 15000 Musik­lehrer unter­weisen unge­fähr 240000 junge Leute, von denen viele eine schreck­liche Ver­gan­gen­heit als Straßenkinder haben. Aus der Bre­it­e­nar­beit ist ein Spitzenorch­ester her­vorgewach­sen: die For­ma­tion „Sin­fóni­ca de la Juven­tud Vene­zolana Simón Bolí­var“, die inzwis­chen auch bei Auftrit­ten in Europa und mit ihrer CD-Ein­spielung zweier Beethoven-Sym­phonien unter Leitung des von Sir Simon Rat­tle geförderten Diri­gen­ten-Nach­wuchs-Stars Gus­ta­vo Dudamel Auf­se­hen erregt und viel Anerken­nung gefun­den hat.
Auf der vor­liegen­den CD präsen­tieren sich die jun­gen vene­zolanis­chen Musik­er unter Leitung des Diri­gen­ten und Kom­pon­is­ten Alfre­do Ruge­les mit einem rein mit­tel- und südamerikanis­chen Pro­gramm. Zusam­men mit dem renom­mierten argen­tinis­chen Gitar­ris­ten Vic­tor Pel­le­gri­ni sor­gen sie für eine beherzte Inter­pre­ta­tion zweier jew­eils 2005 ent­standen­er Concier­tos fes­tivos puer­tor­i­can­is­ch­er Kom­pon­is­ten, in denen sich die pop­uläre Musik Lateinamerikas wider­spiegelt. Den­noch zeigen die bei­den Werke eine sehr indi­vidu­elle Hand­schrift: Ist Ernesto Corderos Musik direkt vom Geist und den Rhyth­men der Folk­lore inspiri­ert, so greift Car­los Alber­to Vázquez deren Ton­fälle zwar auf, doch in raf­finierten Brechun­gen. Nicht naiv, son­dern „sophis­ti­cat­ed“ wirkt seine Kom­po­si­tion und zeigt für ein „fes­tlich­es“ Konz­ert bemerkenswert nach­den­kliche und sin­istre Züge.
Zu den Schwächen der CD-Neu­veröf­fentlichung gehört das Book­let, das den des Spanis­chen unkundi­gen Hör­er inhaltlich weit­ge­hend im Stich lässt, was die weit­eren einge­spiel­ten Kom­po­si­tio­nen bet­rifft. Das ist bei den bei­den Esce­nas de la Pasíon según San Mar­cos noch ver­schmerzbar, in denen die vene­zolanis­che Kom­pon­istin Diana Aris­men­di in eigen­williger Verbindung von litur­gis­ch­er Zurück­hal­tung und drama­tis­chem Impe­tus eine far­big orchestri­erte Pas­sion­s­musik geschaf­fen hat. Im Fall der 1982 ent­stande­nen Kom­po­si­tion El oca­so del héroe für Sprech­er, gemis­cht­en Chor und Kam­merorch­ester ihres Lands­man­ns Alfre­do Ruge­les wäre wenig­stens eine Inhalt­sangabe, bess­er noch eine aus­führliche Textdoku­men­ta­tion geboten gewe­sen. Hoch­pas­sion­iert wirkt die Kom­po­si­tion, in der der Sprech­er das Wort „lib­er­tad“ her­ausstellt, sodass der Hör­er einen his­torischen oder poli­tis­chen Hin­ter­grund ver­mutet und damit let­ztlich auch recht hat: In Wort und Ton geschildert wer­den die let­zten Tage des vene­zolanis­chen Frei­heit­shelden Simón Bolivár.
Ger­hard Dietel