Nino Rota

Concerto No. 1

per violoncello e orchestra, Klavierauszug von Bruno Moretti

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott
erschienen in: das Orchester 03/2018 , Seite 63

Ein Revival? Ver­di­ent hätte er es, denn er war ein Kön­ner: Nino Rota. Unlängst erschien im Ver­lag Schott die Par­ti­tur seines 2. Cel­lokonz­erts, nun kommt aus dem­sel­ben Haus der Klavier­auszug des Schwest­er­w­erks: Nino Rota kom­ponierte sein 1. Cel­lokonz­ert im Jahr 1972. Im Gegen­satz zum ein Jahr später ent­stande­nen 2. Konz­ert hat­te der Erstling weniger Erfolg. Dies lässt sich schon an der kuriosen Tat­sache erken­nen, dass für dieses Werk kein zuver­läs­siges Urauf­führungs­da­tum bekan­nt ist.
Nino Rota galt als kom­ponieren­des Wun­derkind. 1911 geboren, schloss er bere­its 18-jährig sein Studi­um in Rom ab. Später wirk­te er als Pro­fes­sor in Bari und schuf ein umfan­gre­ich­es Œuvre, darunter zehn Opern sowie weit­ere Büh­nen-, Konz­ert- und Kam­mer­musikkom­po­si­tio­nen. Seine größten Erfolge feierte Rota als Filmkom­pon­ist: Mit sein­er Musik zu Fran­cis Ford Cop­po­las Der Pate gewann Nino Rota einen Oscar. Nur weni­gen Vertretern dieses Gen­res (aus jün­ger­er Zeit kommt ihm allen­falls John Williams nahe) ist gelun­gen, was Rota mit Par­ti­turen wie etwa jenen zu den Felli­ni-Fil­men 81/2 oder La Stra­da erre­icht hat: Die Sound­tracks aktivieren unser inneres Auge – wir sehen die berühmten Szenen vor uns –, zugle­ich hören wir eine vor Ein­fällen sprühende, handw­erk­lich per­fek­te Musik, deren Wert sich keineswegs in ihrer unter­mal­en­den Funk­tion erschöpft.
Dass ein solch­er Kom­pon­ist mit sein­er außer-filmis­chen Musik hohe Ansprüche verknüpft, ver­ste­ht sich von selb­st. Das 1. Cel­lokonz­ert zeigt Rota als genialen The­men-Erfind­er und eben­so als Meis­ter der Form. Sein Kopf­satz, ein Alle­gro in h-Moll, erweist sich als lupen­rein­er Sonaten­haupt­satz. Das „klas­sis­che“ Prob­lem der dop­pel­ten Expo­si­tion löst Rota ele­gant, indem er das 2. The­ma – in der Orch­ester­ex­po­si­tion ste­ht es in g-Moll – vom Solis­ten nach d-Moll trans­ferieren lässt und somit den mod­u­la­torischen Weit­er­gang ebnet. Nach einem romanzenar­ti­gen Larghet­to inklu­sive belebtem Mit­tel­teil endet das Konz­ert mit einem quick­lebendi­gen, bisweilen frenetis­chen Alle­gro im Galop­prhyth­mus.
Vom Schwest­er­w­erk unter­schei­det sich das Konz­ert stilis­tisch merk­lich. Ist dort ein klas­sizis­tis­ch­er Zug spür­bar, so hat sich Rota hier an roman­tis­chen Vor­bildern ori­en­tiert: Die Orch­esterbe­set­zung umfasst vier Hörn­er und drei Posaunen, das the­ma­tis­che Mate­r­i­al ist von markan­ter Chro­matik geprägt. Dem Soloin­stru­ment ist alles gegeben, was ihm und seinen Spiel­ern frommt: große Kan­tile­nen, flinke Sechzehn­tel-Pas­sagen, ver­track­te Dop­pel­griffe und Arpeg­gien.
Neue Musik? In Zeit­en der Post-Avant­garde stellt sich die musikalis­che Gegen­wart als Patch­work dar, als Zeit­tableau, auf dem uns beispiel­lose stilis­tis­che Vielfalt umgibt. Eine Ide­al­si­t­u­a­tion: Nach Jahren der Grabenkämpfe herrscht Plu­ral­ität, keine stilis­tis­che Rich­tung kann für sich beanspruchen, die richtige zu sein. Nino Rotas 1. Cel­lokonz­ert aus dem Jahr 1972 ist schlicht gute Musik. Und eine Melodie wie die des 2. The­mas im Final­satz muss einem erst mal ein­fall­en!
Ger­hard Anders