Tchaikovsky, Boris

Concerto for violin and orchestra/Sonata for violin and piano

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Profil/Edition Günter Hänssler PH11047
erschienen in: das Orchester 07-08/2012 , Seite 75

Boris Tschaikows­ki zählt zu jenen rus­sis­chen Kom­pon­is­ten des 20. Jahrhun­derts, die noch immer nicht so recht in der west­lichen Musik­welt angekom­men sind. Diese CD selb­st liefert den Beweis: Sie ist zwar „neu“, insofern ger­ade erst, 2011, erschienen. Bei bei­den hier einge­spiel­ten Werken han­delt es sich aber um tech­nisch auf­bere­it­ete alte „Melodija“-Produktionen von 1962 und 1972, will sagen: Sei­ther haben bei­de Werke nicht mehr die ihnen gebührende Aufmerk­samkeit erhal­ten. Zwar: Das Vio­linkonz­ert liegt auch in ein­er Live-Ein­spielung des­sel­ben Solis­ten mit dem Odense-Sin­fonie-Orch­ester vor, die aber auf­grund unzulänglich wegge­filtert­er Störg­eräusche nur bed­ingt konkur­ren­zfähig ist.
Außer dem Wid­mungsträger Vik­tor Pikaizen hat es noch kein ander­er Vio­lin­vir­tu­ose einge­spielt. Was erstaunlich ist, denn es han­delt sich um ein ein­er­seits anspruchsvolles, ander­er­seits aber auch eingängiges und daher dankbares Werk ganz in jen­em klas­sizis­tisch-poet­is­chen Stil, der auch für Tschaikowskis andere Kom­po­si­tio­nen charak­ter­is­tisch ist. Die Instru­men­tierung weist einige Beson­der­heit­en auf: Ungewöhn­lich ist z.B. die Ein­sätzigkeit des Werks, ungewöhn­lich auch die auss­chließliche Beschränkung auf die Stre­ich­er über einen lan­gen, med­i­ta­tiv wirk­enden Zeitraum hin­weg. Unge­fähr in der Mitte der Kom­po­si­tion schle­ichen sich dann gle­ich­sam auf leisen Sohlen die Pauken in die Par­ti­tur, während die Holz- und Blech­bläs­er erst im let­zten Abschnitt Gehör find­en.
Über die Auf­nahme selb­st muss man nicht viel sagen. Die Moskauer Phil­har­moniker als eines der besten Orch­ester der Welt unter dem leg­endären Kir­ill Kon­draschin, dazu ein­er der besten Vio­lin­solis­ten der an Meis­tern nicht ger­ade armen rus­sis­chen Schule: Sie alle wer­den in dieser Ein­spielung ihrer musikalis­chen Aure­ole mehr als gerecht.
Wen das Vio­linkonz­ert noch nicht zu entzück­en ver­mag, den muss die 1959 ent­standene und von Pikaizen gemein­sam mit dem Kom­pon­is­ten – und übri­gens: hin­reißend – musizierte Vio­lin­sonate für sich ein­nehmen. Phäno­typ­isch ähnelt sie dem Vio­linkonz­ert insofern, als auch hier die Geige fast ohne jede Pause im Ein­satz ist. Anklänge an die Kam­mer­musik seines Lehrers Dmitrij Schostakow­itsch sind hier unüber­hör­bar – und trotz­dem spricht Tschaikows­ki eine ganz eigene, hochmelodis­che und wiederum äußerst lyrische Musik­sprache, die dem Solis­ten einiges (und mehr als im Vio­linkonz­ert) an Vir­tu­osität abver­langt. Fließt das Andante noch mit wun­der­schö­nen Melodiebö­gen elegisch dahin, so kommt es im Alle­gro zu ger­adezu jaz­zar­ti­gen Brüchen, die ein wenig an den „ersten Jaz­zkom­pon­is­ten“ Max Reger erin­nern (ich spreche vom Vivacis­si­mo aus Regers F‑Dur-Sonate op. 78 für Vio­lon­cel­lo und Klavier).
Es wird Zeit, sich mit Boris Tschaikows­ki bekan­nt zu machen!
Friede­mann Kluge