Gottfried von Einem

Concerto for Orchestra/Hunyady László/Nachstück/Serenade

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Ltg. Johannes Kalitzke

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Capriccio
erschienen in: das Orchester 09/2019 , Seite 65

Seine ver­di­en­stvolle Rei­he bedeu­ten­der Orch­ester­musik des 20. Jahrhun­derts set­zt das Rund­funk-Sin­fonieorch­ester Berlin unter Johannes Kalitzkes Leitung mit vier Werken Got­tfried von Einems aus vierzig Jahren fort.
Das Con­cer­to für Orch­ester op. 4 (1944) vere­int die besten Qual­itäten echter Musizier­lust – doch nicht ohne spitze Stachel, sub­ver­sive Jaz­zan­klänge und unver­hohlen inter­na­tionale Aus­rich­tung: Das ist ein Kom­pon­ist, der sein Handw­erk ver­ste­ht, der Tiefe mit Bril­lanz verbinden kann.
Gle­iche Qual­itäten find­en sich in der vier­sätzi­gen Ser­e­nade op. 10 (1949), durch Fer­enc Fric­say aus der Taufe gehoben und diesem gewid­met. Einem hat­te zu Lebzeit­en viel Glück mit seinen Diri­gen­ten, die sich stets voller Verve für seine Musik ein­set­zten und ihm so den Weg zu inter­na­tionalem Renom­mee ebnen halfen.
Das Nacht­stück op. 29 ent­stand 1960 in Zürich als Auf­tragskom­po­si­tion des Philadel­phia Orches­tra unter Eugene Ormandy; von dem ersten Ein­druck, wir hät­ten es hier mit ein­er verkappten Mahler-Kopie zu tun, sollte man sich nicht in die Irre führen lassen.
Die „3 Gaben für Orch­ester“ op. 59, Hun­yady Lás­zló, ein Kom­po­si­tion­sauf­trag der Phil­har­mo­nia Hun­gar­i­ca, ver­danken ihre Sujet­wahl 1981/2 ein­er Hom­mage an Einems natür­lichen Vater (von dessen Exis­tenz er vorge­blich erst während eines Ver­hörs durch die Gestapo erfahren haben soll). Einem legt hier ein gän­zlich anderes Gewand an und adap­tiert überzeu­gend einen „ungarischen Ton“, ohne seine eigene Klang­sprache und auch die öster­re­ichis­che Musik­tra­di­tion, in der er in den ver­gan­genen Jahrzehn­ten ver­wurzelt war, zu ver­leug­nen.
Das Berlin­er Rund­funk-Sin­fonieorch­ester ver­mit­telt Einems Tra­di­tionsver­bun­den­heit wie seinen eige­nen Ton höchst überzeu­gend. „Roman­tis­ch­er Natur­ton“ wird eben­so leb­haft ver­mit­telt wie Jazz- und Tan­zan­klänge. Vor allem kom­men auch die schrof­fen, sarkastis­chen, witzi­gen Aspek­te der Musik nicht zu kurz. Auch die ver­hal­te­nen Momente – an Nacht­stück lässt sich dies ver­gle­ichen – ger­at­en zumeist eher nervös-anges­pan­nt als „loslassend“ elegisch, was eine legit­ime Lesart ist, die die gesamte CD zu einem aufre­gen­den, in den „musikan­tis­chen“ Aspek­ten auch entspan­nen­den und in der inter­pre­ta­torischen Dichte nie nach­lassenden Erleb­nis macht. Die Auf­nah­me­tech­nik des Deutsch­land­funks Kul­tur ist tadel­los, das Book­let sehr infor­ma­tiv (nur die englis­che Über­set­zung nicht run­dum geglückt).
Es ist mehr als erfreulich, dass immer mehr Kom­po­si­tio­nen Got­tfried von Einems in mehr als ein­er Pro­duk­tion vor­liegen. Nun ste­ht auch zu hof­fen, dass dieser Impuls nicht nur auf seine Orch­ester­musik beschränkt bleibt, dass aber auch andere ver­nach­läs­sigte und vielle­icht heute noch weniger bekan­nte Kom­pon­is­ten von dem ver­stärk­ten Inter­esse an Musik des 20. Jahrhun­derts prof­i­tieren.
Jür­gen Schaar­wächter