Koželuch, Johann Anton

Concerto C-Dur op. 110

für Viola und Orchester, eingerichtet nach dem Fagottkonzert und hg. von Wolf Buchholz, Partitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Merseburger, Kassel 2008
erschienen in: das Orchester 06/2011 , Seite 68

Ein Bratschenkonz­ert von Koželuch? Das wäre eine willkommene Bere­icherung des Reper­toires, denn bis­lang ist wed­er von Johann Anton Koželuch aus Prag noch von seinem Wiener Cousin Leopold Anton ein solch­es bekan­nt. Doch was die Titel­seite der Par­ti­tur tak­tvoll ver­schweigt, zeigt ernüchternd der Blick auf die Innen­seite: „Ein­gerichtet nach dem Fagot­tkonz­ert“. Und auch wenn Koželuchs Fagot­tkonz­ert ein dur­chaus reizvolles (und bei Fagot­tis­ten geschätztes) Stück ist, bleibt unklar, worin eigentlich der Sinn ein­er solchen Bear­beitung liegt. Sich­er, den heili­gen Werk­be­griff vom „opus ulti­mum et per­fec­tum“ muss man hier nicht bemühen. Wir wis­sen, dass die Kom­pon­is­ten selb­st kaum Vor­be­halte gegen das „Recy­cling“ eigen­er Stücke kan­nten: Bach hat viele sein­er Instru­mentalkonz­erte als Cem­balokonz­erte wiederver­wen­det, Mozart sein Oboenkonz­ert für Flöte tran­skri­biert und noch Beethoven sein Vio­linkonz­ert zum Klavierkonz­ert umgeschrieben. Den­noch stellt sich die Frage, ob im Zeital­ter nahezu gren­zen­los­er Ver­füg­barkeit von Musik der­ar­tige Bear­beitun­gen nicht obso­let sind. Das orig­i­nale Reper­toire mit Solo-Bratsche ist nun nicht der­art schmal, dass man es kün­stlich ver­größern müsste, und der ästhetis­che Mehrw­ert ein­er Tran­skrip­tion muss auch eher als zweifel­haft gel­ten: Man stelle sich in Analo­gie ein­mal das (unge­fähr zeit­gle­iche) Fagot­tkonz­ert von Mozart als Bear­beitung für Vio­la vor – oder gar umgekehrt die Sin­fo­nia con­cer­tante für Geige und Bratsche als Bear­beitung für Flöte und Fagott.
Hinzu kom­men beim Wech­sel zwis­chen Blas- und Stre­ichin­stru­ment auch noch hand­feste prak­tis­che Prob­leme, auf die der Her­aus­ge­ber im Vor­wort selb­st hin­weist: „Einige Fagottpas­sagen sind für die Vio­la neu geschrieben oder rev­i­diert wor­den.“ Konkret bedeutet das: Da sich viele idioma­tis­che Fagott-Wen­dun­gen nicht ohne Weit­eres auf die Vio­la über­tra­gen lassen, hat Wolf Buch­holz größere Teile des Solo-Parts „stre­icher­fre­undlich“ umgear­beit­et. Das bet­rifft fast alle fig­u­ra­tiv­en Spiel­pas­sagen und Schluss­wen­dun­gen, also ger­ade jene Abschnitte, in denen Klangcharak­ter und vir­tu­ose Möglichkeit­en des Solo-Instru­ments am besten her­vortreten. Etwas über­spitzt aus­ge­drückt: Aus­gerech­net an den für ein Konz­ert zen­tralen Stellen bleibt vom Koželuch’schen Orig­i­nal wenig mehr als das har­monis­che Korsett. Kaum wiederzuerken­nen ist ins­beson­dere der erste Solo-Ein­satz: Offen­bar um der Bratsche zu „ers­paren“, mit einem lan­gen Hal­te­ton begin­nen zu müssen, hat Buch­holz das The­ma aus dem Tut­ti flugs in die Solostimme ver­legt und dabei zwangsläu­fig auch die Orch­ester­par­tien entsprechend „rev­i­diert“. Nicht ganz nachzu­vol­lziehen ist schließlich seine Entschei­dung, auf­grund ein­er fehlen­den Pauken­stimme in der Prager Quelle nicht nur auf diese, son­dern gle­ich auch noch auf die (in der Quelle vorhan­de­nen) Trompe­ten zu verzicht­en.
Wen der­lei Ein­wände nicht stören: Die Par­ti­tur ist ein­wand­frei gedruckt, die zuge­höri­gen Orch­ester­stim­men und einen Klavier­auszug gibt es käu­flich zu erwer­ben.
Joachim Schwarz