Francaix, Jean

Concerto

für Kontrabass (Solo-Stimmung) und Orchester, Klavierauszug

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz 2010
erschienen in: das Orchester 10/2010 , Seite 72

Im umfan­gre­ichen kom­pos­i­torischen Werk von Jean Françaix find­et man zahlre­iche Solokonz­erte. Darunter auch einige für sel­tener bedachte Instru­mente wie Harfe, Fagott, Gitarre, Cem­ba­lo, Akko­rdeon oder eben Kon­tra­bass. Das nur etwa fün­fzehn Minuten dauernde Bass-Con­cer­to ent­stand 1974 und ist dem Solobassis­ten Wolf­gang Güt­tler gewid­met. Das Orch­ester­ma­te­r­i­al ist bei Schott nur lei­h­weise erhältlich, es sieht neben zehn Bläsern (je zwei Flöten, Oboen, Klar­inet­ten, Fagotte und Hörn­er) einen Stre­icher­chor vor, bei dem der Kon­tra­bass wegge­lassen wurde.
Nun hat der Kom­pon­ist und ver­sierte Bear­beitung­sprak­tik­er Hen­ning Brauel einen Klavier­auszug vorgelegt, der es möglich macht, das spritzige Werk auch im Vor­spiel oder im Sonaten­abend aufzuführen. Brauel, der sich u.a. einen Namen machte mit der Bühnenein­rich­tung von Vic­tor Ull­manns Der Kaiser von Atlantis geht bei der Bear­beitung des Con­cer­tos sehr ökonomisch vor: Der Bass in Solostim­mung kann in dieser Fas­sung vom Klavier nicht überdeckt wer­den.
Das sehr lebendi­ge Con­cer­to mit den vier Sätzen Tem­po di mar­cia, Scherzan­do (mit Trio), Andante und Vivace ist von spielerischem Witz und sub­til­er Ironie geprägt. Françaix, der ja einen bemerkenswert ein­heitlichen Stil ver­fol­gte, ist auch hier mit sein­er Hand­schrift sofort erkennbar. Er öffnet einen Gewürz­schrank voller Ideen und hebt das kleine Werk auf die Ebene ein­er höchst niveau­vollen Spiel­musik. Die Außen­sätze in A-Dur leben von schi­er unendlichen Tri­olen­ket­ten. Das H-Dur-Scher­zo, das in ein seltenes Cis-Dur-Trio mün­det, hat viele chro­ma­tis­che Ele­mente in sich. Das melodis­che Andante ist für den Solis­ten auss­chließlich im Vio­lin­schlüs­sel notiert, es ver­liert sich zum Schluss in ruhi­gen, hohen Töne im Pianis­si­mo.
Die in Solostim­mung gehal­tene Kon­tra­bassstimme ist mit zahlre­ichen Fin­ger­sätzen verse­hen, auch strichtech­nisch gibt es viele konkrete Vorschläge. Die Beze­ich­nun­gen sind mal ital­ienisch, mal franzö­sisch: mod­erne Kon­tra­bassis­ten sind ja heute in jedem Fall poly­glott. Eine Kadenz gibt es nur im Final­satz, aber diese hat es dur­chaus in sich. Sie ist nicht nur rel­a­tiv lang im Ver­gle­ich zum Umfang des Satzes, sie wartet auch mit eini­gen tech­nis­chen Her­aus­forderun­gen auf. In der Klavier­stimme find­et man Hin­weise auf die orig­i­nalen Orch­esterbe­set­zun­gen. Wenn der Pianist weiß, dass er Stre­ich­er im Pizzi­ca­to zu erset­zen hat, eine Flöte oder Oboe kopieren soll oder eine Kom­bi­na­tion aus Fagott und Horn darstellen muss, kann er seinen Anschlag entsprechend mod­i­fizieren. Auf jeden Fall muss er sich für eine Auf­führung einen Umblät­ter­er mit­brin­gen: Man hat immer bei­de Hände voll zu tun.
Die Klavier­auszug-Fas­sung bere­ichert nicht nur die Samm­lung „Musik für Kon­tra­bass“ des Schott-Ver­lags, son­dern ins­ge­samt das solis­tis­che Bass-Reper­toire mit einem zeit­genös­sis­chen und doch spiel­baren Stück voller Klarheit, Witz und Anspruch.
Wolf­gang Teub­n­er