Henze, Hans Werner

Concerto

per contrabbasso ed orchestra, Studienpartitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz 2000
erschienen in: das Orchester 09/2006 , Seite 89

Durch alle Jahrhun­derte hin­durch haben sich zwei Aspek­te der Musik immer wieder gegen­seit­ig befruchtet. Die Weit­er­en­twick­lung tech­nis­ch­er und damit klan­glich­er Möglichkeit­en der Instru­mente lock­te die Kom­pon­is­ten, diese erweit­erten Gegeben­heit­en in neuen Werken zu nutzen. Man denke hier z.B. an das „Wohltem­perierte Klavier“ von Bach. Die Instru­menten­bauer und Instru­men­tal­is­ten mussten ander­er­seits nicht sel­ten ver­suchen, durch Neukon­struk­tio­nen bzw. durch neue Spielarten und Tech­niken den erweit­erten und erhöht­en Anforderun­gen der Kom­pon­is­ten Rech­nung zu tra­gen. Ein Beispiel aus jün­ger­er Zeit ist dafür das Kon­tra­bass-Konz­ert von Hans Wern­er Hen­ze aus dem Jahr 1966, das vom Schwierigkeits­grad her als nahezu unspiel­bar galt. Selb­st der Wid­mungsträger Gary Karr, der das Werk 1967 in Chica­go zur Urauf­führung brachte, hat (mit der Erlaub­nis des Kom­pon­is­ten) einige Pas­sagen so verän­dert, dass sie für ihn mach­bar waren. Auch der ital­ienis­che Bassist Fran­co Petrac­chi schrieb sich eine, eben­falls von Hen­ze sank­tion­ierte, eigene Fas­sung. In seinen auto­bi­ografis­chen Mit­teilun­gen Reiselieder mit böh­mis­chen Quin­ten stellte Hen­ze staunend fest: „Heute spie­len viele junge Bassis­ten die Druck­fas­sung ohne mit der Wim­per zu zuck­en, woran man wieder ein­mal sehen kann, dass es immer noch und immer wieder möglich ist, tech­nis­che Fortschritte zu machen, und dass die Tech­nik all­ge­mein an den ihr gestell­ten Auf­gaben wächst.“
Das zwanzig­minütige Con­cer­to ist qua­si in Kam­merorch­ester­stärke beset­zt, hat aber Instru­mente dabei, die man son­st nur im großen Orch­ester find­et. Darunter sind eine Pic­coloflöte, Englis­chhorn, Bassklar­inette, Kon­trafagott, Harfe und Pauken. Hier geht es um Farbe und Trans­parenz und um die Notwendigkeit, das Soloin­stru­ment nicht zu überdeck­en.
Hen­ze macht im Solopart hefti­gen Gebrauch von der Beweglichkeit und von dem Ton­um­fang des Kon­tra­bass­es. Im Wech­sel mit dem Orch­ester und in den Kaden­zen wer­den die Möglichkeit­en des Dop­pel­griff­spiels, die reich­lich vorhan­de­nen Fla­geo­lett-Töne und die Pizzika­to-Effek­te genutzt. Dazu aber gibt es viel Kantabil­ität und sonoren Klang. Das Werk ist aton­al, die Tak­t­metren wech­seln schnell und unaufhör­lich. Die Rhyth­mus- und Perkus­sion­sef­fek­te sind exakt getak­tet und ste­hen im Gespräch zu den einge­wobe­nen, lyrischen The­men­bö­gen.
Ins­ge­samt ist es ein eher leis­es Stück von sen­si­bler Kom­plex­ität und ästhetis­chen Klangfeldern. Es gibt drei Sätze: zu Beginn ein Mod­er­a­to cantabile in dem sich der Bass als kanta­bles Instru­ment vorstellt. Dann ein Vivace in A‑B-A-Form mit starken Vari­anten in allen Reprisen vorstellt. Der let­zte Satz ist eine Art Cia­cona, die das vom Solobass vor­ge­tra­gene The­ma 32-mal vari­iert.
Hen­ze sei noch ein­mal selb­st zitiert aus dem oben genan­nten Buch: „Im Herb­st Sech­sund­sechzig kom­ponierte ich ein Con­cer­to für Gary Karr, den amerikanis­chen Kon­tra­bassis­ten, ich ver­suchte dabei, nur an Musik zu denken, nicht an Per­so­n­en, nicht an Sex. Reine und absolute Musik sollte es sein, tönend bewegte Form.“ Das ist ihm gelun­gen und die Zahl der Auf­führun­gen zeigt, dass das Werk dur­chaus im Bewusst­sein des Musik­be­triebs lebt, zumal es immer mehr Solis­ten auf dem Instru­ment gibt. Die in c notierte Stu­di­en­par­ti­tur ist für die Vor­bere­itung auf das Konz­ert eine große Hil­fe.
Wolf­gang Teubner