Werke von Hasse, Fasch, Pfeiffer und anderen

Concertare — Abseits vom Mainstream

Caterva Musica, Ltg. Olaf Reimers

Rubrik: CDs
Verlag/Label: www.caterva-musica.de
erschienen in: das Orchester 06/2015 , Seite 78

Con­certare – Abseits vom Main­stream ist für eine CD mit Alter Musik ein ungewöhn­lich­er Titel. „Main­stream“ gab es im 18. Jahrhun­dert, aus dem die Werke dieser Ein­spielung stam­men, noch nicht. Gewiss war Johann Adolph Has­se zu seinen Lebzeit­en ein „Star“, doch die Ken­nt­nis sein­er Musik war im Wesentlichen auf seine Wirkungsstät­ten, also auf Neapel, Venedig, Dres­den und Wien, begren­zt. Heute freilich ist er viel weniger bekan­nt als Johann Sebas­t­ian Bach oder Georg Friedrich Händel.
„Main­stream“ ist also ein Ergeb­nis von mod­ern­er, durch die Medi­en geprägter „Massenkul­tur“. Diese CD dage­gen bietet die Möglichkeit, heute ziem­lich unbekan­nte Kom­pon­is­ten des Barock zu ent­deck­en: Johann Friedrich Fasch, Johann Pfeif­fer, Wil­helmine von Bayreuth und Georg Öster­re­ich. Die Musik des am wenig­sten bekan­nten dieser Kom­pon­is­ten überzeugt am meis­ten: Georg Öster­re­ichs Geistlich­es Konz­ert für Tenor, Trompete, Stre­ich­er und Bas­so con­tin­uo fes­selt durch die Inten­sität, mit der hier Gefüh­le dargestellt wer­den, durch die Klarheit der Melodie und Rhyth­mik und das span­nungsvolle Gegenüber von Solostimme und Instrumenten.
An dieser vorzüglichen Wirkung hat vor allem der Tenor Georg Pop­lutz einen großen Anteil: Er ver­wirk­licht barocke Klan­grede, indem er jeden Ton anders gewichtet, anders färbt und Gle­ich­lauf oder eine mech­a­nis­che Vir­tu­osität stets ver­mei­det. So ist der Hör­er hier bei jedem Ton gefes­selt, was man bei den anderen Kom­po­si­tio­nen nicht immer behaupten kann. Da macht sich doch des Öfteren ein Abstand zu den ganz Großen, den „Mainstream“-Komponisten Bach oder Hän­del, bemerk­bar. Braves Handw­erk, aber nicht eine exis­ten­ziell berührende Hör­erfahrung scheinen hier vorzuliegen.
Doch vielle­icht liegt das auch bisweilen am Ensem­ble, das gewiss den trans­par­enten Klang der alten Instru­mente und die his­torische Auf­führung­sprax­is her­vor­ra­gend beherrscht, aber manch­mal in der Artiku­la­tion, in der Abschat­tierung der Tonge­bung, in der Darstel­lung von musikalis­chem Sinnzusam­men­hang, im Ern­st­nehmen eines jeden Tons oder Klangs die Lebendigkeit der Klan­grede ver­mis­sen lässt, die der Tenor Georg Poplutz so großar­tig verge­gen­wär­tigt. Da gibt es wun­der­bare Dialoge zwis­chen den konz­ertieren­den Instru­menten, ein fed­ernd nerviges Bas­so-con­tin­uo-Spiel der Cem­bal­istin Sigrun Stephan und des Organ­is­ten Michael Goede, ein Auf­blühen des Klangs der Barock­vi­o­line von Elke Fab­ri und des fün­f­sait­i­gen Vio­lon­cel­los von Olaf Reimers; der klare Trompe­ten­ton von Nigel Paul ist eine wahre Freude. Doch dann erklin­gen Läufe, die allzu mech­a­nisch gespielt wer­den, Verzierun­gen, die nicht sinnhaft als Teil der Klan­grede einge­set­zt wer­den, und Melo­di­en, die durch allzu viel Lega­to eine detail­lierte Artiku­la­tion verwischen.
Diese CD ist an vie­len Stellen sehr schön und bewe­gend, ins­ge­samt aber kön­nte das Plä­doy­er für Barock­musik jen­seits des Main­streams überzeu­gen­der sein.
Franzpeter Messmer