Maderna, Bruno

Complete Works for Orchestra, Vol. 3

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Neos 10935
erschienen in: das Orchester 06/2011 , Seite 76

Er war der große Melodik­er unter den Avant­gardis­ten der Nachkriegs­gen­er­a­tion. Für den Venezian­er Bruno Mader­na war die Melodie zen­trales Ele­ment sein­er Kom­po­si­tio­nen und bes­timmte die übri­gen Para­me­ter. Das stellt ihn in die Tra­di­tion großer ital­ienis­ch­er Kom­pon­is­ten von Mon­tever­di bis Puc­ci­ni und lässt seine Musik viel unmit­tel­bar­er zugänglich erscheinen als etwa die seines Lands­man­ns Nono.
Es ist sehr zu begrüßen, dass beim Label Neos eine Gesamte­di­tion sämtlich­er Orch­ester­w­erke Mader­nas mit dem hr-Sin­fonieorch­ester erscheint. Fünf CDs soll diese Edi­tion unter der Leitung von Arturo Tamayo umfassen. Die the­ma­tis­che Klam­mer der Folge 3 bildet Mader­nas Liebe für den Klang der Holzblasin­stru­mente. Beson­ders der Oboe (für die er allein drei Konz­erte kom­ponierte) und der Flöte galt seine Aufmerk­samkeit, und bei­de Instru­mente fungieren, neben ein­er Frauen­stimme, als Solis­ten im 1971 kom­poniertem Werk Ausstrahlung. Es han­delt sich um „eine Art Reise durch die lit­er­arische und geistige Geschichte Per­siens“, so Christoph Schlüren in seinem instruk­tiv­en Ein­führung­s­text. Texte aus Per­sien und Indi­en bilden das Text­ma­te­r­i­al, teils gesun­gen, teils vom Ton­band einge­spielt. Wie meist in Mader­nas reifen Orch­ester­schöp­fun­gen gehen Aleatorik und streng gebaute Struk­turen eine frucht­bare Verbindung ein. Die med­i­ta­tive Grund­hal­tung des gut halb­stündi­gen Stücks sorgt für Pas­sagen ger­adezu hyp­no­tis­ch­er Schön­heit.
Grande Aulo­dia von 1970 ist ein Dop­pelkonz­ert für Flöte und Oboe, dessen Titel sich auf das alt­griechis­che Aulos bezieht, ein schalmeiar­tiges Blasin­stru­ment. Die let­zten zehn Minuten dieses Werks gehören zum Schön­sten, was Mader­na hin­ter­lassen hat – ein traumver­lorenes, melan­cholis­ches Gespräch der zwei Pro­tag­o­nis­ten, unter­legt von einem hyp­no­tis­chen, in dun­klen Far­ben irisiren­den Stre­ichertep­pich, bis auch dieser erlis­cht und die bei­den Soloin­stru­mente ganz alleine sind.
In Biogram­ma (1972), dem chro­nol­o­gisch let­zten Werk des Pro­gramms, gibt es keine expliziten Solis­ten, doch ist dem Englis­chhorn eine promi­nente Rolle zugedacht. Dass auch hier Aleatorik und Kon­struk­tion, Frei­heit und Strenge einan­der ergänzen, spielt für den Hör­er weniger eine Rolle als die bewun­dern­swerte Orchestrierungskun­st Mader­nas. Er war eben ein ingeniös­er Prak­tik­er, der als Diri­gent ein Reper­toire von der Alten Musik bis zur Avant­garde beherrschte und daher den Umgang mit dem Orch­ester von Grund auf beherrschte.
Arturo Tamayo und das hr-Sin­fonieorch­ester beweisen untrüglich­es Gespür für diese so far­bige und sen­si­ble Musik, und die bei­den Solis­ten Tad­deus Wat­son (Flöte) und Michael Sieg (Oboe) meis­tern tech­nisch tadel­los, see­len­voll und bestens aufeinan­der abges­timmt die gewiss nicht ein­fach zu spie­len­den Werke. Dreißig Jahre nach Giuseppe Sinop­o­lis maßstab­set­zen­der Inter­pre­ta­tion dreier Orch­ester­w­erke Mader­nas ent­standen, bedeutet die vor­liegende Pro­duk­tion eine der überzeu­gend­sten Auseinan­der­set­zun­gen mit dem Œuvre dieses viel zu früh ver­stor­be­nen Kom­pon­is­ten.
Thomas Schulz