Carl Maria von Weber

Complete Works for Clarinet

Sebastian Manz (Klarinette), Martin Klett (Klavier), Lars Olaf Schaber (Kontrabass), CasalQuartett, Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR, Ltg. Antonio Mendez

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Berlin Classics 0300835BC
erschienen in: das Orchester 05/2017 , Seite 66

Heinrich Baermann, Webers Freund und Widmungsträger seiner Klarinettenwerke, hat im 1. Konzert nicht das vom Komponisten Aufgeschriebene gespielt, sondern für sich davon eine virtuosere Fassung geschaffen. Die Novalis-Gesamtaufnahme aller Bläserwerke Webers von 1991 enthält beides mit Dieter Klöcker als Solisten: Webers Original und Baermanns Eigenes. Auch Sebastian Manz spielt hier seine eigene Fassung, in die Baermanns Ergänzungen einfließen, die er aber mit Verzierungen, in Artikulation, Phrasierung und Dynamik erweitert. Weber hat in der Solostimme erstaunlich wenig Vortragsanweisungen notiert – fantasievoll nutzt Sebastian Manz diesen Spielraum aus.
Wer von all dem nichts weiß, muss nur erleben, was als neue „BaerManz-Fassung“ aus den Lautsprechern ans Ohr und ins Herz dringt: kontrolliertes jugendliches Ungestüm, unbändige Spielfreude, beides verbunden mit hochvirtuoser und makelloser Technik – das hat Sogwirkung! Wie an Perlenschnüren aufgereiht erreichen Tonlaufgirlanden raketengleich Himmelshöhen, explodieren dort vielfarbig und zwingen den Zuhörer gleich wieder zur stillen Konzentration, wenn die Klarinette im Pianissimo verhaucht. Extreme Dynamik-Kontraste öffnen weite emotionale Räume. Das ist zutiefst ergreifende Musizierkunst eines reifer gewordenen Klarinettisten, den Benny Good­mans Interpretation des 3. Satzes des 2. Konzerts schon als Kind für das Instrument begeistert hatte, das sein Leben wurde.
Alles auf den beiden CDs wird durchgehend von energischem Drive bestimmt, den Sebastian Manz schon früh mit seinem Jazz und Tanz liebenden Jugendfreund Martin Klett entwickelt hat, der in dieser Sammlung sowohl in den abwechslungsreichen Silvana-Variationen als auch im Grand Duo Concertant den hier besonders anspruchsvollen Klavierpart übernimmt.
Im Klarinettenquintett verschafft das Schweizer CasalQuartett detailgenau dem ebenso virtuosen wie klangselig berührenden Klarinettenpart fast orchestrales Fundament – ungewöhnlich, aber wirkungsvoll durch einen Kontrabass verstärkt.
Roland Kistner, Tonmeister der Gesamtaufnahme, der als Andreas-Spreer-Adept des Labels Tacet mit wenigen Röhrenmikrofonen aus der Zeit um 1950 gearbeitet hat – welch ein wunderbar natürlicher Klang! –, war begeistert vom enthusiastischen Mitwirken des Orchesters in den Konzerten und im Concertino. Alle Musiker spielen schon jahrelang im Radio-Sinfonieorchester Stuttgart (jetzt: SWR Symphonieorchester) mit ihrem Soloklarinettisten, folgten aufmerksam und begeistert jedem Hinweis des Bläserkollegen und schufen mit ihm ein Gesamtmusikwerk, wie man es in solcher Kongenialität des Aufeinandereingehens und gemeinsamen Gestaltens selten erlebt: Diese CD ist für mich die neue Referenzaufnahme für Webers Klarinetten-Œuvre!
Diether Steppuhn