Robert Schumann

Complete Symphonies

Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR, Ltg. Roger Norrington

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: SWR Classic
erschienen in: das Orchester 9/2022 , Seite 66

Für einen Großteil der Feuil­letons war der „Stuttgart Sound“ eine Offen­barung, für viele Mit­glieder des in den let­zten Jahren ordentlich geschrumpften Klangkör­pers eine Qual. Auf alle Fälle ist er jet­zt defin­i­tiv Geschichte. Auch die Pan­demie war ein Grund für Roger Nor­ring­tons Entschei­dung, am 18. Novem­ber 2021 nach einem Auftritt mit der Roy­al North­ern Sin­fo­nia seine über 50-jährige Kar­riere zu been­den. Als Chefdiri­gent des Radio-Sin­fonieorch­esters Stuttgart fol­gte er den Rossi­ni-Experten Neville Mar­riner und Gian­lui­gi Gelmetti.Nach der Fusion des Süd­deutschen Rund­funks (SDR) mit dem Süd­west­funk (SWF) wurde der klas­sis­che Klangkör­p­er 1998 als Radio-Sin­fonieorch­ester Stuttgart des SWR dem Süd­westrund­funk zugeschla­gen. Unmit­tel­bar danach amtierte Nor­ring­ton bis 2011.
Unge­fähr zur Hal­bzeit dieser Peri­ode ent­standen in der Lieder­halle Stuttgart die Live-Ein­spielun­gen der vier Sin­fonien von Robert Schu­mann. Nor­ring­ton war damals ein­er der Ersten, die für das roman­tis­che Reper­toire des mit­tleren 19. Jahrhun­derts die his­torisch informierte Auf­führung­sprax­is anwandten. Er forderte einen Stre­icherk­lang ohne Vibra­to, weil dieser nach Nor­ring­tons Ver­ständ­nis ent­ge­gen den Auf­führungs- und Hörgepflo­gen­heit­en des 20. Jahrhun­derts vor 1900 die übliche Aus­führungs­form war. Tat­säch­lich ist es Ansichts­sache, ob man bei Auf­führun­gen von bis ca. 1860 ent­stande­nen Orch­ester­w­erken den utopis­chen Vorstel­lun­gen der Kom­ponieren­den oder – in Beset­zung, Stim­mung und Klang – den mul­ti­plen Real­itäten der Entste­hungszeit fol­gt. Denn erst in der zweit­en Hälfte des 19. Jahrhun­derts wurde allmäh­lich ein stan­dar­d­isiert­er Stel­len­plan für Konz­ert- und The­aterorch­ester üblich. Kom­ponierende wussten um die Real­itäten außer­halb von Konz­erthochbur­gen wie Leipzig und Düs­sel­dorf. Insofern haben die sin­fonis­chen Werke Mendelssohn Bartholdys und Schu­manns dur­chaus eine Schwellen­po­si­tion zwis­chen „hohem“ und „prag­ma­tis­chem“ Gestus.
Nor­ring­tons zügige Tem­pi in Kom­bi­na­tion mit dem vibra­tolosen Stre­icherk­lang haben zur Folge, dass Erleb­niswerte wie das Schwel­gen und son­st emo­tion­al­isierende Klangverbindun­gen hier etwas nüchtern klin­gen. Dafür wird vor allem in der vierten Sin­fonie deut­lich, wie Schu­mann im Fluss kam­mer­musikalis­che Inseln set­zt. Der Stimm­satz ist auch in allen groß beset­zten Stellen gut durch­hör­bar. Statt zielo­ri­en­tiert­er Steigerun­gen geht es Nor­ring­ton um den Verlauf.
Einige For­tis­si­mo-Stellen wirken auf­grund des fehlen­den Stre­icher­vol­u­mens etwas flach. Über weite Streck­en gle­icht dieser Zyk­lus einem Textvor­trag, der auf die Beto­nung der Kon­so­nan­ten mehr Wert legt als auf die vari­ablen Schwingun­gen der Satzge­bilde und Ton­sil­ben. Schu­mann gerät dadurch nicht trock­en­er und auch nicht weniger sub­stanziell, aber etwas kom­pliziert­er. So zerk­lüftete Nor­ring­ton die Leg­ende vom Hochro­man­tik­er Schu­mann, indem er dessen Struk­tu­rar­beit und die Ori­en­tierung am Vor­bild des zu Lebzeit­en weitaus erfol­gre­icheren Mendelssohn heraus­kehrt. Keine so richtig großar­tige Ein­spielung, aber dafür eine mit Erkenntnisgewinn.
Roland Dippel