Brahms, Johannes

Complete Symphonies

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Hänssler Classic SACD 93.267, 3 SACDs
erschienen in: das Orchester 06/2011 , Seite 75

Die vor­liegende Liveauf­nahme der vier Sin­fonien von Johannes Brahms hat­ten Roger Nor­ring­ton und das Radio-Sin­fonieorch­ester Stuttgart des SWR bere­its vor Jahren als DVD-Vide­ofilm veröf­fentlicht. Nun erscheint die Audiospur der im Jahr 2005 aufgeze­ich­neten Ein­spielung noch ein­mal aufs Neue auf SACD.
Von Anbe­ginn hat­te Roger Nor­ring­ton seine Arbeit mit dem Stuttgarter Radio-Sin­fonieorch­ester darauf aus­gerichtet, die Erken­nt­nisse der Spiel­tech­niken der his­torischen Auf­führung­sprax­is auf das mod­erne Orch­ester zu über­tra­gen. Nor­ring­ton, der mit Ablauf der Sai­son 2010/11 seine Posi­tion als Chefdiri­gent des Stuttgarter SWR-Orch­esters nach gut zwölf Jahren abgeben wird, ist ein lei­den­schaftlich­er Ver­fechter des vibra­tolosen, reinen Tons, den die Ensem­bles nach den Ergeb­nis­sen sein­er Forschung schließlich auch noch bis weit ins 20. Jahrhun­dert gepflegt haben. In diesem Sinn nötigte er das Stuttgarter Orch­ester sein­erzeit zur Umkehr und trimmte es kon­se­quent auf eine ger­adlin­ige und into­na­tion­ssaubere Klangge­bung hin, und er ern­tete höch­stes Lob mit seinem bere­its leg­endär gewor­de­nen „Stuttgart Sound“. Und natür­lich befre­it Nor­ring­ton auch Brahms’ Sin­fonien von all dem ver­schleiern­den Vib­ri­eren, das seit den 1940er Jahren um sich gegrif­f­en hat.
Aber nicht nur die rein und klar fokussierte Klangge­bung des Radio-Sin­fonieorch­esters Stuttgart ist ein Plus­punkt der vor­liegen­den Ein­spielung, auch Nor­ring­tons an der his­torischen Auf­führung­sprax­is ori­en­tiertes Her­ausar­beit­en eines fein­nervi­gen rhetorischen Ges­tus in der melodis­chen Stimm­führung lässt manchen neuen Ein­blick in das Ver­ständ­nis der Tex­tur zu. So führt beispiel­sweise im Kopf­satz der 3. Sin­fonie F-Dur seine klein­teilig durch­broch­ene Aufgliederung des Stim­men­ver­laufs zu ein­er unge­mein sprechen­den Aus­druck­sze­ich­nung der einzel­nen Fig­uren und ihrer ineinan­der verzah­n­ten Kom­bi­na­tio­nen. Und auch ander­norts wird Brahms’ musikalis­che Gedanken­führung in gestal­ter­isch­er Hin­sicht überzeu­gend ein­gelöst: So weiß Nor­ring­ton dem drit­ten Satz dieser Sin­fonie all die übliche, meist recht zäh­flüs­sige Schwere zu nehmen und er kann mit sein­er Auf­fas­sung von einzeln ste­hen­den, feinsin­nig aus­tari­erten und in sich deut­lich begren­zten, dabei aber doch miteinan­der in enge Beziehung gebracht­en Satzgliedern eine vor­mals ungeah­nte Leichtigkeit mit ins Spiel brin­gen, die dem Blick auf die Gesamtheit der musikalis­chen Architek­tur und dem Gesamtver­ständ­nis der Anlage des Satzes sehr förder­lich ist.
Run­dum vorteil­haft ist auch zu bew­erten, dass Nor­ring­ton die Tra­di­tion der Sitz­po­si­tion der Orch­ester­mit­glieder achtet: So befördert das Gegenüber von erster und zweit­er Vio­line in nicht zu unter­schätzen­dem Maße die Trans­parenz und die Durch­sichtigkeit. Die solis­tis­chen Leis­tun­gen der Orch­ester­mit­glieder in der finalen, voller entwick­lungsre­ich­er Spannkraft mod­el­lierten Pas­sacaglia der e-Moll-Sin­fonie beweisen eine aus­drucksstarke und indi­vidu­elle Per­sön­lichkeit. Eine solche eignet auch dem Vio­lin­so­lo im zweit­en Satz der 1. Sin­fonie c-Moll, doch hier hätte man sich im vibra­tolosen Umfeld der Orch­ester­stim­men let­ztlich auch das Vio­lin-Solo um einiges weniger tremolierend gewün­scht.
Thomas Bopp