Nielsen, Carl

Clarinet & Flute Concertos/Wind Quintet

Rubrik: CDs
Verlag/Label: EMI Classics 094639442126
erschienen in: das Orchester 01/2008 , Seite 62

Wer sich in der Klar­inet­ten­szene ausken­nt, wird sich wun­dern, dass Sabine Mey­er auf ihrer CD mit Werken von Franz Krom­mer und Louis Spohr nicht mit einem musikalis­chen Part­ner aus ihrem „Fam­i­lien-Trio“, dem Trio di Clarone, musiziert. Das Geheim­nis zu lüften, ist für den neugieri­gen Hör­er allerd­ings nicht ganz ein­fach, da das Bei­heft nichts über die Inter­pre­ten aus­sagt. Hört man dann erst ein­mal in die Auf­nahme hinein, erlebt man im Dop­pelkonz­ert Es-Dur op. 91 von Franz Krom­mer, einem bedeu­ten­den Zeitgenossen der drei großen Wiener Klas­sik­er, ein außergewöhn­lich übere­in­stim­mendes Musizieren von Sabine Mey­er und Julian Bliss. Tonge­bung und ‑fär­bung liegen ganz nahe beieinan­der, das Zusam­men­spiel ist tech­nisch per­fekt und die von ein­er Leichtigkeit und Spiel­freude geprägte Inter­pre­ta­tion zeigt die Eben­bür­tigkeit der Part­ner. Unter­schiede zeigen sich dann eher in der Inter­pre­ta­tion der bei­den Klar­inet­tenkonz­erte von Louis Spohr. Von den vier Konz­erten, die Spohr für „seinen“ Klar­inet­tis­ten Simon Hermst­edt geschrieben hat, ste­ht nur das zweite, sein op. 57, in ein­er Dur-Tonart. Dieses Konz­ert kommt Julian Bliss sehr ent­ge­gen, der hier sein über­ra­gen­des tech­nis­ches Tal­ent und seine bis in die höch­sten Lagen sichere Tonkul­tur demon­stri­eren kann. Aber auch in den lyrischen Par­tien zeigt sich eine große Aus­sagekraft.
Sabine Mey­ers unum­strit­tene bläserische Klasse beweist sich wieder ein­mal an Spohrs viertem Konz­ert in e‑Moll, WoO 20, dessen vir­tu­ose Ele­mente ihr leicht von der Hand gehen und nie in den Vorder­grund treten. Ihr Spiel ist von großer San­glichkeit erfüllt. Dass die Inter­pre­ta­tion den­noch nicht ganz beglückt, liegt zu einem großen Teil an dem zu wenig klangsen­si­blen Spiel der Acad­e­my of St. Mar­tin in the Fields unter ihrem kün­st­lerischen Direk­tor Ken­neth Sil­li­to.
Nach dem musikalisch höchst befriedi­gen­den Hör­erleb­nis mit Julian Bliss bleibt immer noch die Frage nach sein­er Herkun­ft. Was das Bei­heft nicht ver­rät, find­et sich im Inter­net: Dieser englis­che Klar­inet­tist ist ger­ade ein­mal 18 Jahre alt und hat schon weltweite Auftritte hin­ter sich. Er studierte in Ameri­ka bei Howard Klug und jet­zt bei Sabine Mey­er in Lübeck. Es ist eine noble Geste der Päd­a­gogin, sich mit ihrem hochtal­en­tierten Meis­ter­schüler gemein­sam zu präsen­tieren.
Den großen Bläs­er-Kom­po­si­tio­nen des Dänen Carl Nielsen (1865–1931) ist die zweite EMI-Neuer­schei­n­ung gewid­met. Inspi­ra­tionsquelle für das Quer­flötenkonz­ert wie auch für das Klar­inet­tenkonz­ert war das Bläserquin­tett op. 43, das Nielsen in sein­er späten Schaf­fen­sphase kom­ponierte. Seine Absicht, anschließend noch für alle Blasin­stru­mente ein eigenes Konz­ert zu schreiben, kon­nte nur für die bei­den hier einge­spiel­ten Konz­erte in die Tat umge­set­zt wer­den. Es sind zwei ganz unter­schiedliche, äußerst ideen­re­iche Kom­po­si­tio­nen, denen aber der unge­mein hohe Anspruch an die Solis­ten gemein­sam ist. Sabine Mey­er gestal­tet ihren Solopart eben­so wie der phänom­e­nale Emmanuel Pahud mit großer Ein­dringlichkeit und tech­nis­ch­er Bravour. Bei­den Musik­ern gelin­gen die zum Teil sprung­haften Charak­ter­wech­sel, die Nielsens Kom­po­si­tion­sstil prä­gen, müh­e­los. Sie haben mit den Berlin­er Phil­har­monikern unter dem span­nungsvollen Diri­gat Simon Rat­tles auch erstk­las­sige Part­ner zur Seite, die häu­fig im Dia­log mit den Solis­ten ihre eige­nen Solo­qual­itäten zeigen kön­nen.
Im Bläserquin­tett op. 43 vere­ini­gen sich die bril­lanten Solo-Bläs­er der Berlin­er Phil­har­moniker und Sabine Mey­er zum Quin­tett: Neben Emmanuel Pahud brin­gen der Oboist Jonathan Kel­ly, der Fagot­tist Ste­fan Schweigert und der Hor­nist Radek Baborák dieses vielgestaltige, beson­ders die Indi­vid­u­al­ität der einzel­nen Instru­mente her­vorkehrende Quin­tett mit seinem Klang­far­ben­re­ich­tum zur vollen Ent­fal­tung.
Herib­ert Haase