ChorEdition

Das 16. bis 20. Jahrhundert

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Berlin Classics 0300147BC bis 03001154 BC, 8 CDs
erschienen in: das Orchester 04/2011 , Seite 71

Was macht man mit Archivbän­dern voller Chor­musik eines unterge­gan­genen Staates? Ein­spielun­gen mit höchst pop­ulären, teils aber auch sel­ten zu hören­den Werken, inter­pretiert von Ensem­bles, die im besten Sinn in deutsch­er Chor­tra­di­tion ste­hen? Nun, das Label Berlin Clas­sics hat sich entschlossen, dieses ein­ma­lige Kom­pendi­um von Pro­duk­tio­nen der VEB Deutsche Schallplat­ten Berlin GmbH (ehe­mals Eter­na) unter dem Titel ChorEd­i­tion neu zu bün­deln und damit ins­beson­dere heuti­gen Chorsängern einen Leit­faden für die unendliche Fülle an Werken des 16. bis 20. Jahrhun­derts an die Hand zu geben. Da kann man auf acht CDs hören, wie der Thoman­er­chor Leipzig, der Dres­d­ner Kreuz­chor, der Rund­funk­chor Berlin, der Leipziger Rund­funk­chor oder andere noch heute führende Ensem­bles Schütz, Bach oder Hän­del, aber auch Schön­berg, Dis­tler oder Pep­ping san­gen und sin­gen. Und nicht nur dies: Die Palette der Chor­lit­er­atur reicht bis hin zu manch Unbekan­ntem, etwa aus dem 19. Jahrhun­dert: Wer ken­nt schon Beethovens zweis­tim­mi­gen Kanon Esel aller Esel, hi ha und hat diesen je auf ein­er CD vorge­fun­den?
Es würde den Rah­men dieser Kurzbe­sprechung spren­gen, auf Inter­pre­ta­tions­de­tails einzuge­hen. Die älteste Auf­nahme stammt aus dem Jahr 1963, die jüng­ste wurde erst 2010 pro­duziert. Damit ist der Bogen ges­pan­nt und jed­er weiß, dass Abstriche bei älteren Auf­nah­me­tech­niken sowie poly­va­lentes Leis­tungsver­mö­gen und unter­schiedliche Inter­pre­ta­tion­shal­tun­gen der Chöre bei einem solchen Unter­fan­gen impliziert sind. Manch eine Auf­nahme lei­det unter einem etwas dumpfen Klang, die eine oder andere Inter­pre­ta­tion kommt bisweilen betulich daher, vielfach gibt es auch Schwungvoll-Musikan­tis­ches, vor allem bei den neueren Pro­duk­tio­nen.
Aber darum geht es gar nicht. Nach­dem der Markt deutsch­er Vokalmusik des 17./18. Jahrhun­derts in den ver­gan­genen Jahrzehn­ten näm­lich von nieder­ländis­chen, britis­chen oder japanis­chen Ensem­bles dominiert wurde, ist es wohltuend zu hören, dass es – bei allen Abstrichen – doch so etwas wie den Vorteil ein­er unge­broch­enen Tra­di­tion von heimatver­bun­den­er Ver­wurzelung und der sich daraus ergeben­den faszinieren­den Ver­lässlichkeit bei der Inter­pre­ta­tion von Schlüs­sel­w­erken deutschsprachiger Chor­musik gibt! Diese Erken­nt­nis macht die Zusam­men­stel­lung der acht CDs der ChorEd­i­tion unwider­stehlich. Und ein Geheimtipp am Schluss: Die acht Book­lets führen schnörkel­los, ver­ständlich und ohne Umschweife in die jew­eili­gen Chor­w­erke ein – in deutsch­er und englis­ch­er Sprache. Was die Autorin Mari­ta Berg hier leis­tet, ist vor­bild­haft und run­det das pos­i­tive Gesamt­bild der Edi­tion wohltuend ab.
Thomas Krämer