Baur, Eva Gesine

Chopin oder die Sehnsucht

Eine Biographie

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: C.H. Beck, München 2009
erschienen in: das Orchester 06/2010 , Seite 62

Mit viel Liebe zum Detail zeich­net Eva Gesine Baur eine lebendi­ge, schillernde Kün­stler­per­sön­lichkeit: In Sit­u­a­tio­nen des täglichen Lebens, des Unter­richt­ens und Kom­ponierens, anhand von Auftrit­ten in Salons, dem Wider­stand gegen Konz­erte und bei seinen zahllosen Umzü­gen und Reisen lässt Baur ein vielschichtiges Bild Chopins entste­hen. Es zeigt einen dünnhäuti­gen, krän­klichen Men­schen und dessen Abnei­gung gegen das Laute, Derbe und Wilde, seine Vor­liebe für geord­nete Ver­hält­nisse und seine Zer­ris­senheit unter der glat­ten Ober­fläche mit vorder­gründi­gen Höflichkeit­en und Schimpf hin­ter vorge­hal­tener Hand, mit Fre­und­schaften für jeden Zweck.
Trotz des stat­tlichen Umfangs, der Fülle an Infor­ma­tio­nen und der sehr detail­lierten Darstel­lung auch von Belan­gen, die die Per­son Chopins nur tang­ieren, gelingt Baur eine äußerst kurzweilige Lek­türe. Möglicher­weise bed­ingt durch die chro­nol­o­gis­che Erzählweise in kurzen Kapiteln braucht die Biografie eine Weile, um in Schwung zu kom­men und den Leser ganz für sich einzunehmen. Ins­beson­dere bedür­fen die Schilderung der Anfänge als Pianist in den Warschauer Adelshäusern und Chopins Ver­suche, im Aus­land bekan­nt zu wer­den, zunächst noch der Gewöh­nung an Stil und Rhyth­mus des Erzählten.
Das „Erzählen“ kann jedoch von Beginn an wörtlich genom­men wer­den: Obwohl wis­senschaftliche Quel­len­recherche, ‑analyse und ‑auswer­tung das durch­weg solide Fun­da­ment bilden, wirken die sprach­lich und inhaltlich fein zise­lierten Bilder nie pedan­tisch oder selb­stver­liebt. Flüs­sig wie in einem Roman präsen­tiert, sor­gen sie stattdessen für Plas­tiz­ität, die durch unzäh­lige, müh­e­los einge­flocht­ene Orig­i­nalz­i­tate Chopins und ver­schieden­ster Zeitzeu­gen noch erhöht wird. Die Aus­flüge der Autorin ins Hypo­thetis­che liegen nicht immer nahe, doch sind sie grund­sät­zlich als Gedanken­spiel ken­ntlich gemacht und gele­gentlich auch anre­gend.
Spätestens bei der Schilderung der Paris­er Zeit zieht Baur den Leser vol­lends in Bann. Chopins Leben mit George Sand, seine Fre­unde, Bekan­nten und Schüler, die vielfälti­gen und wech­selvollen Beziehun­gen zu Per­sön­lichkeit­en wie Franz Liszt und Marie d’Agoult, Hein­rich Heine, Hec­tor Berlioz und Auguste Fran­chomme oder Eugène Delacroix mit ihren Fre­und­schaften und Zwistigkeit­en, Eifer­süchteleien, Zer­würfnis­sen und Ver­söh­nun­gen lassen den Leser ein­treten in das Leben der Paris­er Salons. Doch bleibt Baur nicht beim Biografis­chen und den unmit­tel­baren sozialen Umstän­den ste­hen. Die geschichtlichen Hin­ter­gründe Polens und Frankre­ichs der ersten Hälfte des 19. Jahrhun­derts geben dem kom­plex­en Bild Chopins einen größeren Rah­men.
Baur legt eine Biografie vor, auf die sich der Leser ver­lassen kann. Fundiert recher­chiert und vir­tu­os erzählt, hat sie mit Sicher­heit jedem Chopin-Inter­essierten etwas zu bieten: Dem Ein­steiger ebnet sie den Weg, dem Ken­ner eröffnet sie neue Seit­en des Kom­pon­is­ten und sein­er Zeit.
Astrid Ber­nicke