Corea, Chick

Children’s Songs

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Stockfisch SFR 357.4067.2
erschienen in: das Orchester 09/2010 , Seite 71

Jaz­zk­las­sik oder Klas­sik­jazz? Die Gren­zen sind aufge­hoben bei den 1984 geschriebe­nen Children’s Songs von Chick Corea. Er selb­st hat die zwanzig kurzen Stücke ein­mal selb­st aufgenom­men in der orig­i­nalen Solo-Fas­sung für Klavier. Der große Pianist und Kom­pon­ist erin­nert sich zwis­chen seinen Jazz-Rock- und Free-Jazz-Zeit­en phasen­weise auch immer wieder gern an seine klas­sis­che Aus­bil­dung. Doch auch bei sein­er Klas­sik ist immer ein wenig Jazz-Swing dabei, so ganz kann er seine Sprache nicht ver­leug­nen. Das ist auch so in der neu aufgelegten, von dem Vibra­fon­is­ten Thomas Schindl bear­beit­eten Fas­sung der Kinder­lieder für ein far­biges Ensem­ble mit ins­ge­samt fünf Musik­ern.
Wir dür­fen bei dem Wort Children’s Songs nicht an unsere guten alten Kinder­lieder denken oder an die Kinder­szenen für Klavier von dem vor zwei­hun­dert Jahren gebore­nen Schu­mann. Das sind hier schon Töne aus unser­er Zeit, aber dur­chaus melodisch und in ihrer Schlichtheit zum Teil auch für Klavier­schüler im Unter­richt möglich. Bei dem Wet­tbe­werb „Jugend musiziert“ tauchen sie vere­inzelt immer wieder ein­mal auf.
Hier nun also eine Fas­sung, bei der zum Klavier (Julia Bartha) noch eine Harfe (Ange­li­ka Siman), ein Vibra­fon (Thomas Schindl) und ein Kon­tra­bass (Hol­ger Michal­s­ki) treten, zusam­menge­fasst in dem ungewöhn­lichen „Blue Cham­ber Quar­tet“. Als wichtiger Gast kommt noch Sven von Sam­son am Schlagzeug hinzu. Das sind alles studierte Klas­sik­er mit auch ganz klas­sisch geprägten Biografien, zum Teil auch in entsprechen­den Posi­tio­nen tätig. Sie alle vere­int aber der Wille und das Kön­nen, sich auf solche musikalis­chen Preziosen einzu­lassen, abseits der aus­ge­trete­nen Pfade. Natür­lich dominiert das Klavier dabei, so war es von Chick Corea ja auch gedacht. Doch die far­bliche Erweiterung wertet diese kleinen, zumeist weniger als zwei Minuten dauern­den Stücke auf. Wie im Jazz auch, bekommt jedes Instru­ment im Rah­men der Möglichkeit­en seine Soli, sodass Abwech­slung und spielerische Vielfalt ange­sagt sind. Und man spürt über­all die Lust am Musizieren, die Freude an der Umset­zung dieser Musik.
Und damit nicht genug: Zu den Stück­en kom­men zwanzig kleine Texte, die man im Book­let nach­le­sen kann, zwanzig sehr ver­schiedene Lebenssi­t­u­a­tio­nen von Kindern rund um den Globus. Sie sind nicht als Pro­gramm zu sehen, die Musik spiegelt diese Texte nicht erkennbar wider.
Es wird einem aber wieder ein­mal bewusst gemacht, dass es vie­len Kindern auf unser­er Welt nicht gut geht: Kinder­ar­beit, Kinder­hochzeit, Beschnei­dung, Flucht, Angst und anderes mehr. Wie ver­gle­ich­bar ger­ing sind die Prob­leme der Kinder in Europa und Ameri­ka dage­gen. Die Jour­nal­istin Cathrin Kahlweit zeich­net für diese Texte ver­ant­wortlich. Ins­ge­samt also eine sehr viel­seit­ige, liebevoll pro­duzierte und aufgemachte Pro­duk­tion, die man gern selb­st hört, die man aber auch größeren Kindern zum Hören und Lesen mit­brin­gen kann.
Wolf­gang Teub­n­er