Klebe, Giselher

Chara

für zwei Violoncelli op. 134

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Bärenreiter, Kassel 2005
erschienen in: das Orchester 09/2006 , Seite 89

Heute ist es stiller gewor­den um die Zwitscher­mas­chine, um Jacobowsky und der Oberst und andere Erfol­gswerke des mit­tler­weile über achtzigjähri­gen Gisel­her Klebe. In den 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrhun­derts wurde sein Name häu­fig gemein­sam mit dem Hans Wern­er Hen­zes genan­nt, standen doch bei­de Kom­pon­is­ten für Wege der neuen Musik, die sich post-webern­schem Main­stream eben­so wider­set­zten wie den neuen Wun­der­wel­ten elek­tro­n­is­ch­er Musik und stattdessen – zum Arg­wohn viel­er Avant­garde-Apos­tel – Erfolge feierten auf der guten alten, ver­meintlich ver­staubten Opern­bühne. Nicht anders als Hen­ze prof­i­tierte auch der junge Klebe vom Erweck­ungser­leb­nis der Zwölfton­tech­nik, doch deren Dog­matik eignete sich schlecht als ästhetis­che Aus­gangspo­si­tion für einen Kom­pon­is­ten, der eigen­em Bekun­den zu Folge „nie ein abstrak­ter Musik­er [war] in dem Sinne, dass mich das Spiel der Töne a pri­ori inter­essiert. Mich inter­essiert immer nur das Spiel der Töne im Sinne der Gewin­nung ein­er Aus­sage, die ich als Ansprache an das gegenüber, das meine Musik hat, ver­ste­he.“
Von seinem Lehrer Fort­ner über­nahm Klebe im Jahr 1957 eine Lehrstelle für Kom­po­si­tion an der Musikakademie Det­mold. Bis zu sein­er Emer­i­tierung 1990 blieb er diesem Insti­tut treu. Zu seinen bekan­ntesten Schülern gehören Mar­tin Christoph Redel, Theo Brand­müller und Matthias Pintsch­er, der 17-jährig in Klebes Klasse ein­trat und mit­tler­weile zu den promi­nen­testen jun­gen Kom­pon­is­ten zählt.
Klebes Beken­nt­nis „zur Klarheit, zu der mir größt­möglichen Ein­fach­heit und zu einem Form und Gestalt bes­tim­menden umfassenden Aus­druck“ spricht beredt aus der 2002 kom­ponierten und nun bei Bären­re­it­er als Fak­sim­i­le ein­er Kom­pon­is­ten-Rein­schrift erschiene­nen Bal­lade Chara für zwei Vio­lon­cel­li. Das auf ein­er zu Beginn im kraftvollen Unisono vor­ge­tra­ge­nen Zwölfton­rei­he basierende Werk gliedert sich in vier Abschnitte: Der teil­weise rez­i­ta­tivis­chen Ein­leitung – in freier Anver­wand­lung der seriellen Tech­nik kop­pelt Klebe das Ton­ma­te­r­i­al der Rei­he an bes­timmte rhyth­mis­che, immer wiederkehrende Grund­muster – fol­gt ein lin­ear-kon­tra­punk­tis­ches „Leg­gier­mente“, dem sich als drama­tis­che Kli­max ein „Marcatissimo“-Abschnitt anschließt, in dem Tremoli, Rep­e­ti­tion­s­muster und geza­ck­te Marschrhyth­men die Szene beherrschen. Das Werk klingt aus mit einem pas­toral anmu­ten­den, lyrischen „Cantabile“ im 6/8‑Takt.
Es ist eine Freude, das far­bige, auch im Sinne der „Cel­lis­tik“ gut geschriebene und bis auf wenige Stellen nicht allzu schwierige Werk zu spie­len, zu hören und anlässlich dessen nochmals aufmerk­sam zu wer­den auf einen bedeu­ten­den Kom­pon­is­ten der Nachkriegszeit. Nur in einem Punkt lässt uns – wie es lei­der oft geschieht – diese Neuaus­gabe allein: Wer oder was ist Chara? Bezieht sich der Kom­pon­ist, indem er sein­er Duo-Bal­lade diesen Titel ver­lei­ht, auf den griechis­chen Begriff für Freude, oder ist Chara gar eine Hom­mage an jenen 27,3 Licht­jahre ent­fer­n­ten Stern, der auch als „Beta-Stern der jagen­den Hunde“ bekan­nt ist?
Ger­hard Anders