Rachmaninoff, Sergei / Viktor Suslin

Chanson Vocalise

Works for Violoncello and Piano

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Solo Musica SM 165
erschienen in: das Orchester 07-08/2012 , Seite 78

„Der Cel­list star­rt mit hyp­no­tisieren­dem Blick ins Pub­likum“, lautet die Anweisung an den Inter­pre­ten der Sonate Chan­son con­tre rai­son für Vio­lon­cel­lo solo von Vik­tor Suslin. Natür­lich kön­nen diese zehn Sekun­den span­nungs­ge­laden­er Stille ihre Wirkung auf den Zuhör­er nur im Konz­ert­saal voll ent­fal­ten. Hyun-Jung Berg­er präsen­tiert sie trotz­dem auf ihrer CD Chan­son Vocalise – wohl haupt­säch­lich deshalb, weil sie ihr so sehr
am Herzen liegt, eben­so wie die anderen Stücke auf der Auf­nahme: Ton H (auch Suslin) und die Sonate in g‑Moll op. 19 sowie die Vocalise in es-Moll op. 34 Nr. 14 von Sergej Rach­mani­now. Keine Frage: Würde man die aus Süd­ko­rea stam­mende Kün­st­lerin live bei diesem Stück erleben, man wäre sofort gefes­selt – von der Kom­po­si­tion selb­st, von Berg­ers tech­nis­chem Kön­nen, wahrschein­lich aber vor allem von der Lei­den­schaft, mit der sie es vorträgt. Das Werk begin­nt auf der auf H ges­timmten C‑Saite und endet in Nor­mal­stim­mung; inhaltlich führt es den Hör­er auf einen Weg von außen nach innen: Das Gegen­stück zu den kräfti­gen Bartók-Pizzi­cati zu Beginn sind die 40 Sekun­den dauern­den Fla­geo­letts bzw. die acht Sekun­den dauernde Stille ohne Bewe­gung am Ende. Schade, wie gesagt, dass diese Wirkung auf der CD ver­loren geht.
Ton H für Vio­lon­cel­lo und Klavier (Berg­ers musikalis­ch­er Part­ner ist der gebür­tige Argen­tinier José Gal­lar­do) beschreibt einen ähn­lichen Weg: Das zu Anfang ertö­nende C, das Zen­trum unseres Ton­sys­tems, löst sich auf in Natur­fla­geo­letts und Mikroin­t­er­valle, wobei hier die C‑Saite im Ver­lauf des Stücks auf H herun­terges­timmt wird. Auch dieses Werk ist von unge­heur­er sug­ges­tiv­er Kraft, und Berg­er und Gal­lar­do zeigen sich als die per­fek­ten Über­mit­tler sein­er Wirkung.
In den tiefen Emo­tio­nen der Cel­losonate in g‑Moll von Sergej Rach­mani­now gehen die Inter­pre­ten eben­so hör­bar auf: Der erste Satz mit seinen weit aus­greifend­en Melo­di­en in den langsamen Teilen und der hochdrama­tis­chen Durch­führung wird abgelöst von einem sehr dunkel wirk­enden, sich viel in tiefen Lagen bewe­gen­den Alle­gro scherzan­do. Auf das eben­falls eher melan­cholis­che Andante fol­gt ein stür­mis­ches, pos­i­tiv ges­timmtes Alle­gro mosso. Alles in allem eine Kom­po­si­tion, die nicht nur Hyun-Jung Berg­er und ihrem Gof­friller-Cel­lo die Möglichkeit bietet, ihre Fähigkeit zu san­ftem und zurück­hal­ten­dem, dann wieder inten­sivem, immer gefüh­lvollem Spiel unter Beweis zu stellen; auch die Meis­ter­schaft des Pianis­ten kommt zur Gel­tung, etwa in den zahlre­ichen Zwis­chen­spie­len im ersten Satz.
Schließlich noch die Vocalise: Berg­er und Gal­lar­do entsch­ieden sich dafür, sie zum ersten Mal in ihrer Urform einzus­pie­len, das heißt in ihrer ursprünglichen Tonart es-Moll und ohne Rach­mani­nows spätere Umar­beitun­gen. Die Nähe zur Melodie des gre­go­ri­an­is­chen Dies irae ver­lei­ht auch ihr eine schw­er­mütige Grund­stim­mung, der die Kün­stler mit ihrer ein­dringlichen Inter­pre­ta­tion Rech­nung tra­gen.
Eine gelun­gene Auf­nahme also, zu der auch ein umfan­gre­ich­es, infor­ma­tives Book­let gehört.
Julia Hartel