Changing Colors

Mit Werken von Astor Piazzolla, Baden Powell, Luigi Boccherini, Antonio Carlos Jobim, José Antonió Carlos de Seixas

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Waterpipe Records 977447
erschienen in: das Orchester 11/2004 , Seite 92

Musik ist Geschmackssache, Musikgeschmack etwas sehr indi­vidu­elles, per­sön­lich­es. Ich bin selb­st aktiv­er Musik­er mit langer Stu­dio­er­fahrung und habe Respekt vor jed­er gut pro­duzierten Auf­nahme. Sie sind das Konzen­trat monate­lan­gen Auswäh­lens, Probens, Arrang­ierens, bis das Musizieren und Kor­rigieren im Stu­dio, das Abmis­chen und Mas­tern los­ge­hen kann. Auf­nah­men sind per­sön­liche Meilen­steine, Zeug­nisse der eige­nen Entwicklung.
Chang­ing Col­ors – wech­sel­nde Far­ben, schillernde Far­bigkeit, so hat das Trio Labare­da seine CD genan­nt. 2002 haben sie sich formiert: Chris­t­ian Reichert an der Konz­ert­gi­tarre, Friede­mann Stert an Marim­ba­fon, Drum­set und Perkus­sion, Markus Lech­n­er am Kon­tra­bass. Alle drei sind bekan­nt als sou­veräne Instru­men­tal­is­ten, die seit langem in unter­schiedlichen Beset­zun­gen und Stilis­tiken nation­al und inter­na­tion­al konzertieren.
Den selb­st gestell­ten Anspruch auf Viel­far­bigkeit und Abwech­slung erfüllt das Trio mit spielerisch­er Leichtigkeit, Vir­tu­osität und einem wun­der­baren Gespür für das gemein­same Tim­ing. Denn das fällt beim Hören der CD sofort auf: die Vielschichtigkeit und Viel­seit­igkeit der einzel­nen Stücke. Südamerikanis­che Kom­pon­is­ten ste­hen im Vorder­grund: Piaz­zol­la, Baden Pow­ell, Jobim mit Tan­go, Bossa Nova und Sam­ba, dazu Barock­musik von Seixas und Boc­cheri­ni. Geschickt wer­den in den eige­nen Arrange­ments Tem­pi, Klang­far­ben, Stilis­tiken, Epochen, Aus­druck gemixt. Eine beson­dere Rolle kommt hier­bei der Instru­mente­nauswahl des Schlagzeugers Friede­mann Stert zu, der zwis­chen Marim­ba und Drum­set wech­selt und auch Cajon und Kastag­netten geschmack­voll einsetzt.
Im Mit­telpunkt aller Kom­po­si­tio­nen ste­ht das Gitar­ren­spiel von Chris­t­ian Reichert: enorm dynamisch, mit ein­er Fülle von spiel­tech­nis­chen und klan­glichen Facetten. Sein Spiel prägt entschei­dend den lufti­gen, beschwingten, stark rhyth­mis­chen Ein­druck der gesamten CD. Markus Lech­n­er spielt einen sehr beweglichen, „swin­gen­den“ Bass mit einem war­men, wohli­gen Ton voller Klarheit und Kraft. Seine Con-Arco-Melo­di­en leucht­en und er ist für manche Sound-Über­raschung gut. Friede­mann Stert überzeugt am stärk­sten auf der Marim­ba. In diesen Stück­en ist er ein gle­ich­berechtigter Trio-Part­ner, vir­tu­os und sen­si­bel, mit vollem Klang von Bässen bis Höhen, und hier erre­icht das Trio seine größte Dichte in kam­mer­musikalis­ch­er Intim­ität und spiel­tech­nis­ch­er Raffinesse.
Wenn er dage­gen Drum­set spielt – in den Bossas und Sam­bas von Baden Pow­ell –, wird er zum beschei­de­nen Begleit­er und spielt über­wiegend die rhyth­mis­che Pat­tern-Folie, von der sich die Gitarre abheben kann. Ich wün­schte mir, er würde sich in das Spiel von Gitarre und Bass ein­mis­chen, damit das Trio inten­siv­er miteinan­der spielte. Der Sound des Drum­sets ist auch der einzige klan­gliche Wehmut­stropfen, den ich in diesem sonst 
so gelun­genen Cock­tail her­auss­chmecke: Im Ver­hält­nis zu Gitarre und Bass klingt es trock­en, unräum­lich, indi­rekt, und beson­ders die Bass­drum wirkt pap­pig. Aber das kann meinen Ein­druck ein­er genussvollen musikalis­chen Reise durch Südameri­ka – mit kurzen Abstech­ern nach Por­tu­gal und Spanien – nur ein kleines biss­chen trüben.
Ulrich Moritz