Thuille, Ludwig

Chamber Works

Mark Gothoni (Violine), Ulrich Eichenauer (Viola), Peter Hörr (Violoncello), Frank-Immo Zichner (Klavier)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: cpo 777 967-2
erschienen in: das Orchester 04/2016 , Seite 76

Mit den Klavierquin­tet­ten, dem Klavierkonz­ert und der Sin­fonie von Lud­wig Thuille (1861–1907) hat sich cpo bere­its in den ver­gan­genen Jahren um den Joseph-Rhein­berg­er-Schüler, Richard-Strauss-Fre­und und Münch­n­er Kom­po­si­tion­spro­fes­sor mehrfach ver­di­ent gemacht. Jet­zt legt das Label auf zwei CDs vier Kam­mer­musik­w­erke des im heuti­gen Konzertleben kaum präsen­ten Kom­pon­is­ten vor.
Um zu erfahren, welch gewiefter Kam­mer­musikkom­pon­ist Thuille war, genügt es, in den Alle­gro-ener­gi­co-Kopf­satz der Cel­losonate op. 22 hineinzuhören: Peter Hörr und Frank-Immo Zich­n­er ent­fal­ten ein kon­trastre­ich­es spätro­man­tis­ches Panora­ma, das wed­er den rhyth­misch pointierten Agi­ta­to-Auf­schwün­gen noch den sehn­suchtsvollen Cel­lo-Kan­tile­nen etwas schuldig bleibt. Das 1902 abgeschlossene Werk set­zt in der Nach­folge der Cel­losonat­en von Johannes Brahms (1865, 1886), Richard Strauss (1883) und Erno Dohnányi (1899) einen wichti­gen Meilen­stein.
Thuilles vier­sätziges Trio für Vio­line, Vio­la (statt des üblichen Cel­los) und Klavier von 1885 ist eines der ersten Werke dieser sel­te­nen Gat­tung und zugle­ich mit knapp 40 Minuten das vielle­icht läng­ste (Max Regers deut­lich kürz­eres Opus 2 in der gle­ichen Beset­zung ent­stand erst sechs Jahre später). Hier überzeugt vor allem der Andante-Satz, der Ulrich Eichenauer reich­lich Gele­gen­heit gibt, die herbe Schön­heit seines Bratschen­tons auszukosten.
Von den bei­den Vio­lin­sonat­en Thuilles offen­bart das Rhein­berg­er gewid­mete und mit dessen Hil­fe beim Leipziger Ver­lag For­berg unterge­brachte Opus 1 des 19-Jähri­gen zwar großen jugendlichen Schwung, es lässt ins­ge­samt aber orig­inelle The­matik und großan­gelegten Phrase­nauf­bau ver­mis­sen. Am gelun­gen­sten erscheint noch das kurze Scher­zo. Bei der vor­liegen­den Auf­nahme irri­tieren im Finale allerd­ings lieblose Übergänge Mark Gotho­nis zwis­chen den Haupt- und Seit­en­the­men sowie eine etwas rup­pige Gan­gart des Klaviers.
Die Hen­ri Marteau gewid­mete e-Moll-Vio­lin­sonate op. 30 von 1904 besticht demge­genüber im Kopf­satz durch weiträu­mige The­matik, eine hochd­if­feren­zierte Har­monik und span­nungsre­iche Ver­ar­beitung des
Mate­ri­als. Nach einem aus­drucksstarken C-Dur-Ada­gio schließt das Werk mit einem ener­gis­chen Finale, das präg­nante rhyth­mis­che Charak­tere in den Vorder­grund stellt. Ins­ge­samt ist dieses let­zte größere Kam­mer­musik-Opus des früh ver­stor­be­nen Kom­pon­is­ten zweifel­los ein Meis­ter­w­erk, das zwis­chen den zahlre­ichen Reger-Sonat­en aus dem ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhun­derts gut beste­hen kann. Das Duo Gothoni/Zichner leis­tet hier ungeachtet ein­er gewis­sen Klavier­lastigkeit des Klang­bildes inter­pre­ta­torisch eine lobenswerte Pio­nier­ar­beit.
Rain­er Klaas