Neruda, Franz Xaver

Cello Concertos 1–5

Rubrik: CDs
Verlag/Label: cpo 777 192-2
erschienen in: das Orchester 12/2006 , Seite 90

Leopold Mozart war kein Einzelfall. Die Vita des mährischen Organ­is­ten Joseph Neru­da weist eine ähn­liche Dra­maturgie auf: Beseelt von dem Wun­sch, seinen begabten Kindern beste Kar­ri­erechan­cen zu bieten und natür­lich auch selb­st vom Wun­derkind-Ruhm zu prof­i­tieren, zog der 37-jährige Neru­da im Jahr 1844 mit­samt fün­fköp­figer Kinder­schar nach Wien. Die Rech­nung ging auf, alle fünf wur­den tüchtige Musik­er, mit denen sich der ambi­tion­ierte Vater in den Fol­ge­jahren während aus­gedehn­ter Konz­ertreisen durch ganz Europa hören ließ. Doch bere­its hier endet die Par­al­lele zur Mozart-Fam­i­lie: Wir befind­en uns im bürg­er­lichen Zeital­ter des 19. Jahrhun­derts, und möglicher­weise ging der „alte“ Neru­da die Sache entspan­nter an als Leopold Mozart. Vier der fünf Neru­da-Kinder – ein­er der Söhne starb in jun­gen Jahren – nabel­ten sich offen­bar stress­frei von väter­lich­er Pro­tek­tion ab und starteten als­bald ihre erfol­gre­ichen Profi-Kar­ri­eren.
Zwei Neru­das wur­den europäis­che Zelebritäten: Wilma Nor­man-Neru­da, eine der berühmtesten Geigerin­nen der Zeit, sowie ihr jün­ger­er Brud­er Franz Xaver (1843–1915). Auch er hat­te zunächst das Geigen­spiel erlernt, sich dann jedoch auto­di­dak­tisch zum Cel­lis­ten umgeschult. Im Anschluss an eine Skan­di­navien­reise ließ sich Neru­da 1863 in Kopen­hagen nieder, erhielt eine Cel­lis­ten-Stelle in der Königlichen Kapelle und blieb, von Inter­mezzi in Eng­land und Rus­s­land abge­se­hen, der dänis­chen Haupt­stadt bis zu seinem Lebensende treu. Als Grün­der eines Stre­ichquar­tetts, als Diri­gent, Klavier­lehrer und Kom­pon­ist entwick­elte er sich zur hochgeschätzten Insti­tu­tion im Kopen­hagen­er Musik­leben und weit darüber hin­aus.
Die bemerkenswerte Orig­i­nal­ität der Cel­lokonz­erte Neru­das zeigt sich auf mehreren Ebe­nen: For­mal entsprechen die zwis­chen 15 und 18 Minuten Spiel­d­auer umfassenden Werke dem Typus des Konz­ert­stücks, doch weist die qua­si-ein­sätzige Gesamt­form vari­ierende Bin­nengestal­tungs-Mod­elle vom aus­gedehn­ten Einzel­satz bis zu laten­ter Dreisätzigkeit auf.
Nicht min­der orig­inell ist Neru­das gele­gentliche Vor­liebe für modale Motivik und eigen­tüm­lich archaisierende har­monis­che Wen­dun­gen. Auch in der Behand­lung des Soloin­stru­ments geht Neru­da eigene Wege: Seine „Cel­lis­tik“ scheint geprägt von Leichtigkeit und Ele­ganz der Geige, in punc­to Geläu­figkeit stellen seine Cel­lokonz­erte teil­weise beträchtliche Anforderun­gen.
Diese wer­den bril­lant gemeis­tert von Beate Altenburg, die mit schlankem Ton, per­fek­ter Tech­nik und musikalis­chem Nuan­cen­re­ich­tum Neru­das bis dato unge­hobene Schätze zum Ereig­nis wer­den lässt. Nicht ungelobt bleiben soll auch der von der Solistin ver­fasste, auf­schlussre­iche Book­let-Text. Das Dessauer Orch­ester unter seinem Chef Golo Berg begleit­et zuver­läs­sig und ein­fühlsam. Eine über­aus lohnende Ent­deck­ung!
Ger­hard Anders