Tschaikowsky, Pjotr Iljitsch

Capriccio italien auf Volksliedthemen für Orchester op. 45

Hg. v. Polina Vajdman

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 2006
erschienen in: das Orchester 10/2007 , Seite 77

Fol­gt man Pjotr Iljitsch Tschaikowskys schriftlichen Aus­führun­gen an seine pla­tonis­che Liebe Nad­jesch­da von Meck über die Beweg­gründe des Kom­ponierens, kommt man schnell zu einem ein­fachen dualen Sys­tem ton­meis­ter­lich­er Wertschöp­fung: Inner­er Antrieb oder äußer­er Anstoß hät­ten ihn zu den meis­ten sein­er Werke bewegt. Aber so pro­fan wollte es der Kün­stler denn doch nicht gegenüber sein­er Brief­fre­undin belassen: Natür­lich sei er in manchem Auf­tragswerk wie im Slaw­is­chen Marsch für das Musikge­sellschafts-Konz­ert beim Roten Kreuz auch einem inneren Drang gefol­gt.
Und umgekehrt? Da wäre z.B. das Capric­cio ital­ien, in dem sich Tschaikowsky seine schw­eren Gedanken mit ital­ienis­ch­er Leichtigkeit aus­getrieben hat­te. Aber ger­ade bei diesem Orch­ester­w­erk darf nicht außer Acht gelassen wer­den, dass es ohne die Sonne des Südens, ohne flo­ren­tinis­ches Flair und vitale römis­che Rührigkeit nicht vorstell­bar gewe­sen wäre.
So stellt Tschaikowsky-Spezial­istin Poli­na Vajd­man in ihrer jet­zt in der Bre­itkopf & Här­tel Par­ti­tur-Bib­lio­thek erschiene­nen „quel­lenkri­tisch-prax­isori­en­tierten“ Aus­gabe die Kom­po­si­tion­sum­stände im ital­ienis­chen Zuflucht­sort schon im Vor­wort in den Fokus. In den Straßen und Gassen der Ewigen Stadt tobt der Karneval. Von diesem fröh­lichen Treiben lässt sich Tschaikowsky zu ein­er „Fan­tasie über ital­ienis­che Volk­sliedthe­men“ inspiri­eren, die er später Capric­cio nen­nt. Vergessen sind die Qualen der unglück­lichen Heirat in der Heimat.
Leicht und flüs­sig muss Tschaikowsky die Kom­po­si­tion von der Hand gegan­gen sein. Das zeigt das Auto­graf der Par­ti­tur, in dem es, so Vajd­man, „keine Spuren für spätere Umar­beitun­gen durch den Autor“ gibt. Als weit­ere Quelle dien­ten die Erstaus­gabe der Par­ti­tur, das Auto­graf des Klavier­auszugs sowie ein Skizzen­frag­ment und vor­läu­fige Theme­nen­twürfe.
Die aus­führliche Lis­tung der Quellen im Kri­tis­chen Bericht und die Einze­lan­merkun­gen zur Druck-Erstaus­gabe und dem Par­ti­tur-Auto­graf machen diese Veröf­fentlichung zu ein­er ver­lässlichen Vor­lage zur Wieder­gabe dieses bril­lanten Werks, in dem sich ital­ienis­che Motive mit rus­sis­ch­er The­men­durch­führung tre­f­fen. Poli­na Vajd­mans Erken­nt­nisse sind natür­lich nicht neu. Schon Eulen­burgs Taschen­par­ti­tur fol­gte im Wesentlichen der­sel­ben Vor­lage – inklu­sive abso­lut iden­tis­ch­er Seit­enein­teilung. Der nun edi­tierte Par­ti­tur-Druck besticht freilich durch ein sehr klares und exak­tes Noten­bild. Auch hier ver­mit­telt also das Äußere die Frische des Inhalts.
Christoph Ludewig