Janácek, Leoš

Capriccio für Klavier linker Hand und Bläser­ensemble

Urtext, hg. von Leoš Faltus und Jarmila Procházková

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Bärenreiter, Kassel/Prag 2010
erschienen in: das Orchester 05/2011 , Seite 69

Der Wiener Pianist Otakar Holl­mann, der im Ersten Weltkrieg die rechte Hand ver­loren hat­te, bat zahlre­iche namhafte Kom­pon­is­ten sein­er Zeit um Werke für die eigene Auf­führung. Leoš Janácek erfüllte den Wun­sch des Pianis­ten nach wieder­holten hart­näck­i­gen Anfra­gen mit einem Kam­mer­musik­w­erk in außergewöhn­lich­er Beset­zung. 1926, auf dem Höhep­unkt seines kom­pos­i­torischen Schaf­fens, wid­mete er ihm das Capric­cio für Klavier link­er Hand mit einem Bläserensem­ble aus Flöte (auch Pic­co­lo), zwei Trompe­ten, drei Posaunen und Tenor­tu­ba. Dabei ist der Titel Capric­cio fast etwas irreführend, denn als Grund­ton herrscht hier weniger über­schwängliche Heit­erkeit als sub­til­er Schalk.
Bere­its 2001 gab die Musik­wis­senschaft­lerin Jarmi­la Procházková, die sich seit über 25 Jahren der einge­hen­den Unter­suchung genau dieses Werkes wid­met, in Zusam­me­nar­beit mit dem Janácek-Experten Leoš Fal­tus bei Bären­re­it­er im Rah­men der Kri­tis­chen Gesam­taus­gabe eine Par­ti­tur mit Stim­men­ma­te­r­i­al her­aus; nun erschien im sel­ben Ver­lag als Urtex­taus­gabe eine Neuau­flage. Der Noten­text blieb im Wesentlichen unverän­dert. Eben­so wie in der Vorgänger-Aus­gabe wer­den Otakar Holl­manns (von Janácek abge­seg­nete) Retuschen der Klavier­stimme abge­druckt, wobei es sich haupt­säch­lich um Oktavver­dopplun­gen sowie Har­mon­isierun­gen ein­stim­miger Pas­sagen han­delt, wodurch der Klavierk­lang im Gesamt­satz etwas her­vorge­hoben wird. Her­aus­ra­gen­des Novum der Neuaus­gabe ist die erst­ma­lige Edi­tion ein­er vom Kom­pon­is­ten legit­imierten alter­na­tiv­en Horn­stimme als Ersatz für die Tenor­tu­ba.
Das vier­sätzige Werk mit ein­er Spiel­d­auer von 20 Minuten vere­inigt die typ­is­chen Charak­ter­is­ti­ka der reifen Schaf­fen­sphase des berühmtesten tschechis­chen Ton­set­zers: Die auf den ersten Blick rhap­sodisch wirk­ende Form wird in den Eck­sätzen durch Ele­mente des Sonaten­satzes gegliedert, folk­loris­tisch anmu­tende The­men präsen­tieren sich in immer neuer Gestalt. Den Pianis­ten der Urauf­führung ließ Janác?ek wis­sen, dass er weniger Solist sei als Primus inter Pares: „Denken Sie nicht, dass es sich bei dem Klavier um den Solopart des Konz­ertes han­delt. Jede Stimme ist gle­ich­w­er­tig. Wenn Ihnen das nicht passt, geben Sie mir die Par­ti­tur zurück.“ So sind denn auch die Bläser­stim­men mehr als lediglich schlichte Begleitung. Es ist über­liefert, dass der Kom­pon­ist schelmis­che Freude emp­fand, als ihm zuge­tra­gen wurde, dass die Posaunis­ten der ehrwürdi­gen Phil­har­monie ihre tech­nisch anspruchsvollen Par­tien zu Hause üben mussten. „Lauter Bosheit­en“ habe er da kom­poniert, gab Janácek selb­st zu und riet zu Ven­til­posaunen. So fordert er den Musik­ern eben die trotzige Ver­bis­senheit ab, die der Auf­tragge­ber der Kom­po­si­tion, nach­dem er im Krieg eine Hand ver­loren hat­te, in so beein­druck­ender Weise entwick­elt hat­te. Ihm und seinem kom­pro­miss­losen Fes­thal­ten am kün­st­lerischen Wirken, gegen alle inneren und äußeren Wider­stände, set­zte Janácek in seinem Capric­cio ein klin­gen­des Denkmal.
Bernd Dis­telkamp