Paganini, Niccolò

Cantabile

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Auris Subtilis AS 5008-2000
erschienen in: das Orchester 12/2006 , Seite 94

„Welch ein Mann, welch eine Geige, welch ein Kün­stler“ – so emphatisch reagierte Franz Liszt auf eine Begeg­nung mit dem ital­ienis­chen Sait­en-Vir­tu­osen Nic­colò Pagani­ni 1831. Dass der Star-Geiger aus dem 19. Jahrhun­dert aber auch ein Großer auf der Gitarre war, wird unter dem Ein­druck der Vio­lin-Leg­en­den und ‑Stücke des „Hex­ers“ und „Magiers“ gern vergessen. Und in der Tat: Pagani­ni schrieb die auf dieser CD berück­sichtigten Kom­po­si­tio­nen mit leisem, doch hochvir­tu­osem Charak­ter selb­st. Und er führte sie auch hon­orig auf – mal als Geigen‑, mal als Gitar­ren­part­ner bei kam­mer­musikalis­chen Tre­f­fen.
Die „Kult­fig­ur der Roman­tik“ arbeit­et mit allen Raf­fi­nessen, was allerd­ings eher für die Vio­lin­führung gilt als für die (gele­gentlich auftrumpfende) Begleitung. Was diesen Bere­ich den­noch ausze­ich­net, ist der Umstand, dass Pagani­ni mit diesen Duo-Stück­en für den kam­mer­musikalis­chen Sek­tor jen­er Epoche unge­mein wichtig und zukun­ftsweisend arbeit­ete. Er set­zte für jene Phase einen musikan­tis­chen Kon­tra­punkt zur dominieren­den Oper in seinem Heimat­land.
Das Cantabile D‑Dur, die zise­liert gewirk­ten Sonat­en Nr. 1 a‑Moll, Nr. 2 D‑Dur und Nr. 3 C‑Dur, das fab­u­lierende Duet­to amoroso (mit pro­gram­ma­tis­chen, bild­haften Titeln wie „Anze­ichen der Liebe“, „Schüchtern­heit“ oder „Nachricht von der Abreise“ u.a.), die stu­pend effek­tvollen Vari­azioni di bravu­ra (Caprice Nr. 24) und das grandiose abschließende Moto per­petuo mit seinem Vivace-Drang bilden zusam­mengenom­men ein Pro­gramm von hoher Dichte und bre­it­er Infor­ma­tion. Mit der Devise: So macht’s der Meis­ter!
Pagani­ni erre­icht in dieser Auswahl einen Aus­nah­me­platz in der Musikgeschichte und in sein­er Epoche, die er ver­tritt: für das Duet­tieren eben­so wie für die beseli­gende Meis­ter­schaft des Melodis­chen. Denn bei­den Instru­menten weist er schönes Mate­r­i­al zu. Dies wird von den Inter­pre­ten eben­so klug wie ambi­tion­iert genutzt. Der gemein­same Anspruch, sich mit instru­men­talem Respekt und Eifer zu begeg­nen, wird in jed­er Phase der musikalis­chen Kom­mu­nika­tion genutzt und doku­men­tiert. Sie ehren Pagani­ni – und prof­i­tieren selb­st vom Genuss des südländis­chen Tem­pera­ments und des roman­tis­chen Duk­tus. Wolf­gang Hen­trich und Markus Gottschall – ein Duo der Extrak­lasse. Ger­ade weil sich der Geiger und der Gitar­rist nicht eit­el in den Vorder­grund drän­gen. Sie jubilieren für und mit Pagani­ni: kam­mer­musikalisch höchst delikat.
Jörg Loskill