Campbell, John Allison

Cambiamenti

Fagottquintett op. 6/Speculum vitae op. 7/Lieder op. 3/Bläserquintett op. 12

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Picaro Media 10373
erschienen in: das Orchester 12/2005 , Seite 79

Wer ist John Alli­son Camp­bell? Nur wenige knappe Infor­ma­tio­nen find­et man im Book­let dieser CD mit Kam­mer- und Vokalmusik Camp­bells: Dort liest man, der in den USA geborene Kün­stler habe Kom­po­si­tion zunächst in Philadel­phia, dann in Berlin studiert und unter­richte heute an der Fil­makademie Baden-Würt­tem­berg das Fach Sym­phonis­che Orches­tra­tion. Ergänzende Recherchen in Lexi­ka oder im Inter­net führen nicht weit­er: Wer also ist John Alli­son Camp­bell?
Man muss sich an die erklin­gende Musik auf Camp­bells Debüt-CD hal­ten und kann hier­aus wenig­stens auf seine kün­st­lerische Phys­iog­nomie schließen. Klar wird: Hier ist ein Kom­pon­ist am Werk, der nicht das Exper­i­ment um des Exper­i­ments willen pflegt. Nichts ist nur im Kopf ertüftelt, son­dern alles vom realen Klang her gedacht. Der Hör­er soll nicht irri­tiert und ver­stört wer­den, son­dern ist zum Zuhören ein­ge­laden. Klare Kon­turen in Melodik, Rhyth­mik, Lin­ien­führung und Har­monik zeich­nen die Werke aus. Nicht bloßes Ton­spiel sind sie, son­dern aus­drucksstark, aber ihre Expres­siv­ität bleibt zugle­ich ästhetisch gezügelt.
Umgekehrt: Wenn auch Camp­bell sich in ein­er das Book­let ein­lei­t­en­den ästhetis­chen Grund­satzerk­lärung dazu beken­nt, er wolle „Bezüge zum klas­sis­chen Gebrauch“ her­stellen, so geht doch die Beze­ich­nung „kon­ser­v­a­tiv“ für sein Schaf­fen ins Leere. Das Exper­i­mentelle, etwa die Ver­wen­dung mikro­tonaler Schwe­bun­gen wird als spezielle Fär­bung in seine Ton­sprache ein­be­zo­gen, als eine Art Vari­ante neben dem grundle­gen­den chro­ma­tis­chen Vor­rat an Stufen.
Wom­it wir bei einem zen­tralen Begriff von Camp­bells Ästhetik ange­langt wären: Mit Cam­bi­a­men­ti sind gle­ich zwei sein­er Kom­po­si­tio­nen betitelt, die auf Vari­anten­bil­dung abzie­len. Die Cam­bi­a­men­ti I für Fagott und Stre­ichquar­tett wie auch die für Bläserquin­tett geschaf­fe­nen Cam­bi­a­men­ti II bieten in freier Form dichte the­ma­tis­che und motivis­che Arbeit mit weni­gen Aus­gangse­le­menten, wobei auch klang­far­bliche Abwand­lun­gen eine wesentliche Rolle spie­len. Engagiert sor­gen Rain­er Luft (Fagott) und das Moon Quar­tett, alle­samt Mit­glieder des Berlin­er Sin­fonieorch­esters, sowie das Musagetes-Bläserquin­tett für eine kom­pe­tente Inter­pre­ta­tion, in der die kom­pos­i­torische Absicht klar her­aus­tritt.
In den vokalen Bere­ich führen die bei­den weit­eren Ein­spielun­gen: Specu­lum vitae nach aus­gewählten Bibelab­schnit­ten, ein Werk nach­den­klich-med­i­ta­tiv­er Hal­tung, dessen über­wiegend homo­fon­er Satz vom ars-nova-ensem­ble Berlin ein­dringlich real­isiert wird. Schade, dass die zugrunde liegen­den Textstellen im Book­let genau­so wenig nachzule­sen sind wie die Gedichte Her­mann Hess­es, die Camp­bell in seinem Opus 3 für die Sopranistin Dag­mar Wietschorke ver­tont hat: mit klarem Beken­nt­nis zu ein­er tra­di­tionellen Liedäs­thetik und einem motivisch über­aus konzen­tri­erten Klavier­satz.
Ger­hard Dietel