Glanert, Detlev

Caligula

2 CDs

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Oehms Classics OC 932
erschienen in: das Orchester 02/2011 , Seite 78

Nach Opern nach Grabbe (Scherz, Satire, Ironie und tief­ere Bedeu­tung) oder Der Spiegel des großen Kaisers nach Arnold Zweig hat sich der Kom­pon­ist Detlev Glan­ert eines Schaus­piels von Albert Camus als Grund­lage sein­er Oper Caligu­la angenom­men. Für das Libret­to zeich­net Hans-Ulrich Tre­ichel ver­ant­wortlich. Der unter anderem bei Hans Wern­er Hen­ze aus­ge­bildete Kom­pon­ist zeigt sich ein­er­seits Gus­tav Mahler und Mau­rice Rav­el ver­bun­den, ver­fügt ander­er­seits über großes kom­po­si­tion­shandw­erk­lich­es Ver­mö­gen, das ihm hil­ft nahezu alle Tech­niken der Mod­erne und der Avant­garde zu beherrschen.
Camus’ Schaus­piel Caligu­la, 1945 in Paris uraufge­führt, muss zwar auch vor dem zeit­geschichtlichen Hin­ter­grund des ger­ade niedergerun­genen deutschen Faschis­mus und sein­er Massen­morde und des noch exis­ten­ten stal­in­is­tis­chen Ter­ror­regimes gese­hen wer­den, ist aber kein Zeit­stück im engeren Sinn. Bei Camus bet­rifft die Bru­tal­ität des Dik­ta­tors vor allem seine engere Umge­bung, nicht wie bei Hitler, Stal­in oder Mao Mil­lio­nen der Gewalt hil­f­los aus­ge­set­zte Men­schen. Camus zeich­net das Bild eines Gewaltherrsch­ers nach, der let­ztlich an der eige­nen Mach­tausübung scheit­ert. Die Oper begin­nt mit dem ent­men­schlicht­en Schrei Caligu­las, der nach dem Tod sein­er geliebten Schwest­er Drusil­la ein für seine Umge­bung tödlich­es Ter­ror­regime per­fek­tion­iert. Caligu­la agiert als der „einzige freie Men­sch“, wobei Frei­heit hier Ver­nich­tung bedeutet. Am Ende stirbt Caligu­la durch die Dolch­stöße des Kollek­tivs, die Vorstel­lung ein­er absoluten Frei­heit eines Einzel­nen muss hier in der Ver­nich­tung enden.
Der nun vor­liegende Mitschnitt der Urauf­führung des Auf­tragswerks der Frank­furter Oper (und der Oper Köln) aus der Main­metro­pole vom 7. Okto­ber 2006 unter­stre­icht ein­mal mehr den Rang der Frank­furter Oper, die jüngst mit der deutschen Erstauf­führung von Arib­ert Reimanns Medea ihre Ein­satzbere­itschaft für das Musik­the­ater der Gegen­wart unter­strich. Dass Caligu­la nach Anmerkun­gen von Glan­ert auf einem kom­plex­en 25-töni­gen Akko­rd basiert, ist beim Hören zwar nicht nachvol­lziehbar, dass dem Orch­ester nach den Worten des Kom­pon­is­ten die „Mit­ten her­aus­gestrichen wur­den“ – es gibt nur Höhen und Tiefen – hinge­gen schon.
Im Zen­trum des auf­nah­me­tech­nisch sehr überzeu­gend ger­ate­nen Mitschnitts ste­ht der Bari­ton Ash­ley Hol­land in der Mon­ster­par­tie des Caligu­la. Wie er sing-darstel­lerisch das Abgleit­en des römis­chen Kaisers in den Wahnsinn lebendig wer­den lässt, gehört zu den Höhep­unk­ten der Oper. Aus dem her­vor­ra­gen­den Ensem­ble der Frank­furter Oper sei stel­lvertre­tend Michaela Schus­ter mit drama­tis­chem Aplomb genan­nt.
Markus Stenz präsen­tiert sich am Pult des reak­tion­ss­chnellen und sehr konzen­tri­ert agieren­den Frank­furter Opern- und Muse­um­sor­ch­esters als nahezu ide­al­er Inter­pret der für großes Orch­ester geset­zten Par­ti­tur. Stilis­tisch mis­cht sich hier vieles, von Strauss- und Schrek­er-Anklän­gen bis hin zu den wuchti­gen Perkus­sion­saus­brüchen, die an Straw­in­sky gemah­nen. Den­noch ist das Werk nicht eklek­tisch zu sehen, die Über­sicht, die der Kom­pon­ist beim Ein­satz der Mit­tel wal­ten lässt, find­et sich auch bei Stenz und seinen Orch­ester­musik­ern.
Wal­ter Schneckenburger