Stiftung Preußischer Kulturbesitz (Hg.)

Busoni

Freiheit für die Tonkunst!

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Bärenreiter, Kassel 2016
erschienen in: das Orchester 07-08/2017 , Seite 62

Fer­uc­cio Busoni (1866–1924) gehörte neben Schön­berg, Hin­demith, Straw­in­sky und Bartók zu den wichtig­sten Weg­bere­it­ern der musikalis­chen Mod­erne. Als Kom­pon­ist, Diri­gent, Lehrer, Musik­the­o­retik­er und im Aus­tausch mit Kün­stlerkol­le­gen set­zte er maßge­bliche Impulse für das Musik­leben sein­er Zeit. In Zusam­men­hang mit ein­er Ausstel­lung der Kun­st­bib­lio­thek der Staatlichen Museen zu Berlin aus Anlass seines 150. Geburt­stags erschien ein umfan­gre­ich­er Bild­band, welch­er die facetten­re­iche Kün­stler­per­sön­lichkeit in präg­nan­ten Tex­ten, Zeitzeug­nis­sen, per­sön­lichen Doku­menten und Bildern lebendig her­vortreten lässt.
Der vor­liegende Band gewährt Ein­blicke in die umfan­gre­iche Kor­re­spon­denz Buso­nis, unter anderem Briefe an seine Frau. Oft sind diese mit Zeich­nun­gen geschmückt, die eine uner­wartet witzige, iro­nis­che und boden­ständi­ge Seite seines Wesens beto­nen. Der reisende Vir­tu­ose reflek­tiert hier Begeg­nun­gen und Orte, aber auch seine Rolle als Pianist. Aus Glas­gow beispiel­sweise über­legt er, ob es nicht bess­er wäre, seine Kar­riere zugun­sten des Geschäfts mit Regen­schir­men aufzugeben, das ihm an diesem Ort willkommen­er zu sein schien. Mochte er als Pianist auch außeror­dentlich erfol­gre­ich sein, so hegte er doch seine Zweifel an der Zukun­ft dieses Berufs­feldes.
Die Kor­re­spon­denz mit dem damals noch jun­gen und völ­lig unbekan­nten Arnold Schön­berg zu dessen Klavier­stück­en op. 11 doku­men­tiert auf einzi­gar­tige Weise das kom­pos­i­torische, for­male und klan­gliche Selb­stver­ständ­nis Buso­nis um diese Zeit. Hier bietet sich eine Rei­bungs­fläche zur ästhetis­chen Auseinan­der­set­zung, Busoni fer­tigt sog­ar eine „verbessernde“ Bear­beitung zu Schön­bergs Klavier­stück­en an.
Als Sohn eines Ital­ieners und ein­er Mut­ter mit deutschen Wurzeln in Ital­ien geboren, wurde Berlin zu Buso­nis Wahlheimat. Hier rief er 1902 die Rei­he „Orch­ester-Abende für neue und sel­ten aufge­führte Werke“ ins Leben. Mit dem Phil­har­monis­chen Orch­ester führte er Musik von Debussy, Sibelius, Bar­tók und Pfitzn­er auf. Er lud kom­pos­i­torische Größen der Zeit zum Dirigieren eigen­er Werke nach Berlin ein und bezahlte all das aus eigen­er Tasche. Seine konzep­tionellen und gestal­ter­ischen Ambi­tio­nen reichen hier bis hin zu Plaka­ten­twür­fen. Durch den Ersten Weltkrieg fühlte sich Busoni zum Exil in die Schweiz gezwun­gen. Erst 1920 kehrte er mit der Beru­fung zum Leit­er der Meis­terk­lasse für Kom­po­si­tion an die Berlin­er Akademie der Kün­ste zurück nach Berlin.
Busoni, der heute vor allem als Bear­beit­er Bach’scher Werke und als leg­endär­er Klaviervir­tu­ose in Erin­nerung ist, begeg­net dem Leser als lei­den­schaftlich­er Ken­ner und Samm­ler von Kunst­werken und
Büch­ern, als Förder­er Neuer Musik, als Men­sch mit umfan­gre­ichen gestal­ter­ischen Ambi­tio­nen und als visionär­er (Musik-)Kritiker sein­er Zeit.
Anja Klein­michel