Adorno, Theodor W. / Erich Doflein

Briefwechsel

Hg. von Andreas Jacob

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Olms, Hildesheim 2006
erschienen in: das Orchester 02/2007 , Seite 81

An den Musikpäd­a­gogen Erich Doflein (1900–1977) erin­nert heute vor allem noch das Geigen­schul­w­erk, das er mit sein­er Frau Elma Doflein von 1932 bis 1950 veröf­fentlicht hat. Während der Naz­izeit suchte Doflein die innere Emi­gra­tion, was ihn nicht davor bewahrte, gele­gentlich als „Kul­tur­bolschewist“ beschimpft zu wer­den. 1948 war er Mit­be­grün­der des Insti­tuts für Neue Musik und Musik­erziehung in Bayreuth, später Darm­stadt. Seine geistige Heimat lag in der Jugend­musik­be­we­gung um 1920, seine Ori­en­tierungspunk­te hießen Bach, Bartók, Hin­demith und Orff.
Doflein war es, der 1949 als erster Musikver­ständi­ger Thomas Manns Roman Dok­tor Faus­tus kom­men­tierte und dabei auf die Berater­rolle von Theodor W. Adorno (1903–1969) eing­ing: Sein Auf­satz „Lev­erkühns Inspi­ra­tor“ erschien damals in Die Gegen­wart und ist im vor­liegen­den Band neu abge­druckt. Adorno dank­te Doflein schriftlich für diese Würdi­gung, woraus ein Briefwech­sel erwuchs, der bis ins Jahr 1963 reicht. Obwohl die bei­den Brief­schreiber zwei „ver­fein­de­ten“ Lagern ange­hörten – hier Schul­musik­be­we­gung, dort kri­tis­che Musik­sozi­olo­gie –, sind ihre brieflichen Aus­führun­gen zur Musik mehr infor­ma­tiv und sub­jek­tiv als stre­itlustig. Gestrit­ten haben sie dage­gen öffentlich und gut prä­pari­ert: bei Radi­ogesprächen und Podi­ums­diskus­sio­nen. Auch um deren Vor­bere­itung, Organ­i­sa­tion und Vergü­tung (!) kreisen die Briefe – eine höfliche Kor­re­spon­denz zwis­chen zwei gestressten Pro­fes­soren, die men­schlich wohl ganz gut har­monierten und einan­der in Kleinigkeit­en auch inspiri­erten und kor­rigierten.
Dass zwis­chen Doflein und Adorno öffentlich nicht ger­ade die Fet­zen flo­gen, zeigt das tran­skri­bierte Radi­ogespräch von 1951, das einem insze­nierten Hör­spiel ähnelt. Doflein war ein Men­sch des Aus­gle­ichs: Er verehrte Adorno und übri­gens auch Schön­berg, schätzte den Mei­n­ungs-Plu­ral­is­mus und agierte eher als Medi­a­tor und Stich­wort­ge­ber, als dass er die Kon­fronta­tion gesucht hätte. Bei Diskus­sio­nen fand er sich zuweilen sog­ar in der Rolle dessen, der im eige­nen Lager um Ver­ständ­nis für Adorno wirbt. Dieser wiederum war für Dofleins Tol­er­anz dankbar, wich aber keinen Mil­lime­ter von seinen radikalen Posi­tio­nen ab und dis­tanzierte sich gar, wenn er sie in Dofleins Wieder­gabe ver­harm­lost glaubte. Von kleinen Ver­stim­mungen abge­se­hen, schätzten die bei­den einan­der als rit­ter­liche Kom­bat­tan­ten: Das Disku­tieren selb­st, das Ver­bal­isieren und Kom­mu­nizieren von musik­the­o­retis­chen Fra­gen, war ihnen wichtiger als das Rechthaben.
Man kön­nte auch sagen: Sie rede­ten wortre­ich aneinan­der vor­bei. Denn während Doflein vieles gel­ten ließ, im Nebeneinan­der von Schön­berg und Laienchören keinen Wider­spruch sah und in den eige­nen Auf­sätzen eher jour­nal­is­tisch reg­istri­erend als the­o­retisch fokussierend schrieb, blieb Adorno in der Sache stur: Musizieren war für ihn kein Wert an sich, die Jugend­musik­be­we­gung erin­nerte ihn an eine Sek­te, in Laien­musik sah er den Verzicht auf das absolute Wahrheits-Ethos der Kun­st.
„Was ist wichtiger“, kon­tert Doflein in einem Brief an Adorno von 1954, „ob näm­lich ein ‚Kunst­werk ist‘ oder ob ein Men­sch Musik macht?“ Genau darüber hät­ten sie niemals Eini­gung erzielt: Musik als dialek­tis­ches Porträt von Gesellschaft oder als deren prak­tis­che Funk­tion? An dieser Frage scheit­erte let­ztlich auch Adornos Plan, dem Geiger Rudolf Kolisch eine Stelle bei Doflein zu ver­schaf­fen. Denn Doflein beant­wortete die „Sug­ges­tion­skraft“ des großen Musik­ers ganz prag­ma­tisch mit der man­gel­nden „Zugkraft bei jun­gen Leuten“.
Hans-Jür­gen Schaal