Ney Rosauro

Brazilian Fantasy

Roland Härdtner (Marimba/Timpani), Ney Rosauro (Vibrafon/Marimba), Südwestdeutsches Kammerorchester Pforzheim, Ltg. Timo Handschuh

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Profil/Edition Günter Hänssler
erschienen in: das Orchester 04/2018 , Seite 69

Pauken kön­nen Melodie, jawohl! Es braucht nur die richti­gen Kom­po­si­tio­nen, um diese Selb­stver­ständlichkeit der Instru­mentenkunde auch hören zu kön­nen. Das 2003 geschriebene Con­cer­to for Tim­pani and String Orchest­ra des Brasil­ian­ers Ney Rosauro (*1952) ist so ein Werk. Da gibt im ersten Satz mit dem Titel „Bachroque“ die Solo-Pauke allein das The­ma vor, auf dass die Geigen, Bratschen, Cel­li nacheinan­der in die Fuge ein­steigen und sich dann zusam­men – mit sehr emanzip­ierten und feinsin­ni­gen Pauken – in freie, fan­tasiere­iche Motive zu begeben. Fein­füh­lige Ped­alar­beit des Solis­ten lässt die Pauken in der darauf fol­gen­den Aria ger­adezu sin­gen, während sich die Stre­ich­er zunächst im Pizzi­ca­to dazuge­sellen und dann die ruhige und schöne Melodieführung übernehmen wollen. Doch so leicht lässt sich dieses große Orch­es­terin­stru­ment nicht – wie son­st so oft – in den stützen­den, beglei­t­en­den Hin­ter­grund schieben. Es meldet sich ver­söhn­lich in sein­er ganzen klan­glichen Schön­heit und macht weit­er, sodass ein echt­es Konz­ertieren seinen Lauf nimmt und schließlich im „Horse Ride“ endet, einem leb­haften Rag­time mit stark­er Solo-Kadenz.
Ney Rosauros Kom­po­si­tio­nen überzeu­gen durch Ideen­re­ich­tum. Sie sind als zeit­genös­sis­che Musik wun­der­bar unbeschw­ert, gut zugänglich und beliebt. All das beweist das Süd­west­deutsche Kam­merorch­ester Pforzheim unter der Leitung seines Chefs Timo Hand­schuh mit dieser CD Brazil­ian Fan­ta­sy, auf welch­er im Sinn eines Kom­pon­is­ten­porträts auss­chließlich Erstein­spielun­gen zu hören sind.
Das Orch­ester hat mit Roland Härdt­ner als Solis­ten und mit Ney Rosauro als Solis­ten plus Kom­pon­is­ten zwei kon­ge­niale Part­ner gefun­den. Härdt­ner ist im Orch­ester­beruf Solo-Pauk­er der Badis­chen Phil­har­monie Pforzheim und dem Süd­west­deutschen Kam­merorch­ester, eben­falls in Pforzheim, seit Langem fre­und­schaftlich ver­bun­den. Seine solis­tis­che Pas­sion gilt wie beim in Mia­mi leben­den Rosauro ins­beson­dere der Marim­ba und dem Vibra­fon. Deshalb sind auf der vom Süd­westrund­funk co-pro­duzierten CD auch das Con­cer­to Nr. 2 for Vibra­phone and String Orches­tra sowie die Ser­e­na­ta a Due for Vibra­phone, Marim­ba and String Orches­tra vertreten. Vor allem über die all­ge­gen­wär­tige Leichtigkeit und das präzise Perkus­sion-Spiel im per­fek­ten Ensem­ble-Tim­ing wie etwa im drit­ten Satz „The Long Jour­ney“ der Ser­e­na­ta darf man staunen. Das Werk ist Härdt­ner per­sön­lich gewid­met.
In den Ideen der musikalis­chen Motive, The­men und For­men steckt viel ursprünglich­er Musikgedanke Johann Sebas­t­ian Bachs. Das ist in etwa auch die Haupt­botschaft Rosauros, dass hier große Ähn­lichkeit­en mit der brasil­ian­is­chen Musik beste­hen. Deshalb find­et sich auch die Brazil­ian Fan­ta­sy (Bach in Brazil) als Ein­gangsstück auf der CD, wo zwei Marim­bas und Stre­i­chorch­ester for­mal und melodiös sich Bach-Zitate weit­er­re­ichen. Das klingt nach Südameri­ka, Ozean, weit ent­fer­n­ter Melan­cholie und Exotik, und dann eben doch wieder nach dem ver­traut­en Bach. In der Tat eine fan­tasiere­iche Mis­chung. Großar­tige zeit­genös­sis­che Musik!
Sven Scherz-Schade