Viktoria Walmrath (Hg.)
Bravo! Bravissimo! 200 Jahre Theater Aachen
mit Beiträgen von Carsten Brosda, Arnold Jacobshagen, Pedro Obiera, Christopher Ward u. a.
200 Jahre alt ist das Theater Aachen im Jahr 2025 geworden. Selbstverständlich ist das nicht – angesichts wiederkehrender politischer Vorstöße über Jahrzehnte hinweg, ob sich die Stadt die Ausgaben für ihr Stadttheater noch leisten könne. In den 1990er Jahren versuchte der Intendant Elmar Ottenthal aus dem Haus eine profitable Musical-Bühne zu machen. 1996 ließ er – sinnwidrig – zu, dass die Ballettsparte abgewickelt wurde. Erst Michael Schmitz-Aufterbeck (Intendant 2005–2023) gelang es, mit einem breiten Spielplan und seriöser Arbeit das Haus wieder in der Stadt zu verankern. Seine Nachfolgerin Elena Tzavara sagt deutlich: „Wir sind ein Resonanzraum für eine Stadtgesellschaft in all ihrer Vielfalt.“ Dazu bekennt sich im vorliegenden Band, einer Art umfangreicher Festschrift, auch die Stadtspitze. Für ihre Glaubwürdigkeit sprechen die Bauarbeiten am Theaterplatz, die das Haus aus seiner Insellage zwischen Auto-Fahrbahnen befreien und einen Platz zum Flanieren und Verweilen schaffen sollen. Aus dem Titel des Buchs, für das der Kulturbetrieb der Stadt und das Stadtmuseum Centre Charlemagne verantwortlich zeichnen, spricht ein für lokale Verhältnisse eher ungewöhnlicher Stolz.
Das Buch besteht aus einer attraktiven Kombination von historischen Beiträgen, individuellen Erinnerungen und Porträts von einzelnen Persönlichkeiten der Aachener Theater- und Musikgeschichte. Darin ähnelt es der sehenswerten gleichnamigen Ausstellung, die im September 2025 im Centre Charlemagne eröffnet wurde. Buch und Ausstellung wurden parallel erarbeitet, setzen aber unterschiedliche Akzente. Wo sie sich berühren, kompensiert das Buch ein Manko der Ausstellung, deren Darstellungen und textliche Original-Reproduktionen infolge des abgedunkelten Lichts nur schwer bis gar nicht zu entziffern sind. Anders als die Ausstellung setzt das Buch einen starken Akzent auf die Theatergeschichte vor 1825. Aber auch die Baugeschichte des von Johann Peter Cremer und Friedrich Schinkel entworfenen Stadttheaterbaus lässt sich ausführlich verfolgen. Der lange verdrängten Geschichte des Theaters im Nationalsozialismus gelten mehrere Beiträge – wobei die Verstrickungen des GMDs Peter Raabe (1920–1935) klarer dokumentierbar sind als diejenigen seines Nachfolgers Herbert von Karajan (1935–1942). Besonders interessant ist der Fokus auf vergessene Persönlichkeiten – wie etwa auf die erfolgreiche Schauspielerin, Schriftstellerin und Theaterleiterin Charlotte Birch-Pfeiffer (1800–1868) und die junge Bühnenbildnerin Anke Oldenburg, die entscheidend die innovative Ära des Intendanten Francesco Sioli (1921–1924) mitprägte.
Beim Verlag ist das Buch inzwischen vergriffen, in der Ausstellung und im Buchhandel ist es aber noch erhältlich.
Andreas Hauff


