Johann Sebastian Bach

Brandenburg Concertos

Nr. 1-6, Berliner Barock Solisten, Ltg. Reinhard Goebel

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Sony Classical
erschienen in: das Orchester 03/2018 , Seite 66

Eilig hat er’s immer noch, der Diri­gent Rein­hard Goebel. Die schnellen Sätze durch­fegt er wie ein Wirbel­wind, der auch vor den langsamen nicht wirk­lich Halt macht. Aber den­noch schafft er es, diesen unnachahm­lichen „Swing“ zu erzeu­gen, etwa im Andante von Bachs Bran­den­bur­gis­chem Konz­ert Nr. 2. Die Tem­pi ras­ant, die Tak­tschw­er­punk­te deut­lich, die Soli vir­tu­os: Diese Neuauf­nah­men der berühmten sechs Con­cer­ti für den Mark­grafen Chris­t­ian Lud­wig haben eine unge­meine Leichtigkeit und Ele­ganz, was vor allem den Bläsern der Berlin­er Barock Solis­ten zu ver­danken ist. Aber nicht weniger den Stre­ich­ern, und das ist wichtig, betont zu wer­den, denn diese nun auch schon mehr als 20 Jahre beste­hende Truppe aus Musik­ern der Berlin­er Phil­har­moniker sowie Instru­men­tal­is­ten aus der Alte-Musik-Szene der Haupt­stadt spielt nicht auf „Orig­i­nalin­stru­menten“, son­dern auf soge­nan­nten mod­er­nen, vor allem also mod­ern nachgerüsteten.
Rein­hard Goebel, ehe­ma­liger Geigen­gu­ru der „his­torischen Auf­führung­sprax­is“ und Grün­der der leg­endären Musi­ca Anti­qua Köln, hat sich seit vie­len Jahren bere­its von den durch ihn selb­st meist inspiri­erten nachrück­enden Experten für die Spiel­weisen des 17. und 18. Jahrhun­derts dis­tanziert und arbeit­et sei­ther lieber mit mod­ern aus­ge­bilde­ten Musik­ern. Als Diri­gent für Oper und Konz­ert eine Größe für „Alte Musik auf neuen Instru­menten“, kann er diesen (wie auch dem Hör­er) immer noch eine Menge beib­rin­gen, wie man nicht zulet­zt aus dem Book­let her­aus­li­est. Und so tre­f­fen sich die Berlin­er und der Ex-Guru musikalisch auf Augen­höhe, was die Frage der Instru­mente wirk­lich nicht mehr zur erhe­blich­sten macht, zumal die Musik­er nun auf diesem Gebi­et auch keine Anfänger mehr sind.
Goebel, der noch vor mehr als 30 Jahren ger­ade diese Bach-Con­cer­ti gegen den spätro­man­tis­chen Geigen­strich bürstete, set­zt nun gelassen­er aufs Musikalis­che, ver­traut auf der Grund­lage des his­torischen Kon­textes auch dem Instinkt und Kön­nen sein­er Musik­er, die ihm nicht nur an den Lip­pen hän­gen. Er selb­st spricht von „nahezu orgiastis­chen Auf­nahme­sitzun­gen“ zu dieser Dop­pel-CD, und der Enthu­si­as­mus überträgt sich vor allem in den ras­an­ten Eck­sätzen.
Der Spaß am Musizieren hat sich, so die Erken­nt­nis, seit Bachs Zeit­en let­ztlich kaum verän­dert, aber in den ver­gan­genen dreißig Jahren ver­min­derte sich doch zumin­d­est Rein­hard Goebels recht fanatis­che Ver­bis­senheit – zum Wohle der Musik! Was damals unzweifel­haft seine Gründe hat­te, würde heute obso­let wirken. Rein­hard Goebels neuer Zugriff ist dage­gen ger­adezu alter­sweise. Nicht nur die aus­geze­ich­neten Solis­ten – unter ihnen Rober­to Gonzáles Mon­jas und Daniel Gaede (Vio­li­nen), Nils Mönke­mey­er (Vio­la), Sask­ia Fikentsch­er (Block­flöte), Christoph Hart­mann (Oboe), Rein­hold Friedrich (Trompete) und Raphael Alper­mann (Cem­ba­lo) – danken es dem Diri­gen­ten mit beherzter Vir­tu­osität. Ein Hörvergnü­gen.
Matthias Roth