Beikircher, Konrad

Bohème suprême

Der neue Opernführer

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007
erschienen in: das Orchester 07-08/2007 , Seite 76

Ein Pumps, immer­hin drei Taschen­tüch­er und fünf Bischof­s­mützen, ander­er­seits nur zwei Paar Hand­schellen… aber dann doch: ganze fünf Operngläs­er! Augen­zwinkernd, ken­nt­nis­re­ich und mit großem Opern-Herz führt der Autor, Kabaret­tist und Musik­er Kon­rad Beikircher durch einige aus­gewählte Werke des gängi­gen Reper­toires von Gluck über Donizetti, Wag­n­er und Mus­sorgskij bis zu Puc­ci­ni. Ein schnelles Urteil über das Werk lässt sich der abschließen­den Kurzbe­w­er­tung ent­nehmen, in der Beikircher Sym­bole dafür vergibt, mit wieviel Erotik, Magie und Moral oder auch Gewalt- und Gäh­n­poten­zial der Opernbe­such­er zu rech­nen hat. Dabei weit­et er nicht nur humor­voll die eigens aufgestell­ten Kat­e­gorien aus, son­dern provoziert durch einen argu­men­ta­tiv­en Fokus auf eben nicht immer den zen­tralen Aspekt ein Schmun­zeln eben­so wie ein Opponieren.
Durch die stark per­sön­lich einge­färbte Brille des Autors erfährt der Leser zunächst Werkgeschichte, Beset­zung und Hand­lung. Die War­nung bezüglich der Seriosität sein­er Inhalt­sangabe spricht der Autor gle­ich in der Ein­leitung aus. Wenn er in den Biografien eben­so vir­tu­os wie selek­tiv so wech­selvolle Lebens­geschicht­en wie diejenige Lortz­ings oder Wag­n­ers schlaglichtar­tig auf weniger als eine Seite zusam­men­zieht, kön­nen Verz­er­run­gen nicht aus­bleiben.
Neben den – nicht ganz bloßen – Fak­ten urteilt Beikircher über Hits und Flops. Begeis­terungsaus­brüche eben­so wie kri­tis­che Seit­en­hiebe laden den Leser trotz der zum Teil gesucht­en Argu­men­ta­tion dazu ein, Inhalt, drama­tis­chen Auf­bau und Ver­to­nung selb­st zu hin­ter­fra­gen. Gele­gentlich­es Unver­ständ­nis des Autors, z.B. für Davids Belehrung über die Regeln des Meis­terge­sangs, das Rit­u­al bei der Zusam­menkun­ft der Meis­ter oder die abge­drosch­ene Kri­tik an der Sprache der Rhein­töchter, muss der Leser dafür in Kauf nehmen.
Mit der Kat­e­gorie „Opern­täusch­er“ bere­it­et Beikircher den unb­eleck­ten Opern­fre­und darauf vor, wie er in Pausendiskus­sio­nen auch hart­ge­sot­te­nen Allesken­nern Paroli bieten kann. Mit sein­er wun­der­bar ungekün­stel­ten Herange­hensweise und einem Ton­fall, der mal aufrichtig begeis­tert, mal iro­nisch, mal burschikos daherkommt, nimmt Beikircher den großen Werken des Musik­the­aters ihre Schwere und Unnah­barkeit. Lei­der unter­bricht er seinen unter­halt­samen und eingängi­gen Textfluss aber auch immer wieder durch einzelne, forciert komis­che Umgangssprach­lichkeit­en, die den Leser mit dem Holzham­mer an die Leichtigkeit des Stils erin­nern. Auch die iro­nis­chen Brechun­gen, die bei ein­er altherge­bracht­en Hal­tung von Ernst und Tragik anre­gend sein kön­nen, führen nicht immer weit­er, son­dern wirken vielfach bemüht.
Trotz der zum Teil lap­i­daren Sprache bleiben jedoch immer Respekt und Lei­den­schaft des Autors spür­bar. Und wenn er die Hoff­nung äußert, „dass ich Ihnen mit diesem Buch ein biss­chen Lust auf Oper machen kann“, so lässt sich nur fest­stellen: Das kann er ganz gewiss!
Astrid Bernicke