Jäger, Hermann

Bleibt steh’n! Ich laߒ noch einen zieh’n für euch!

Dessauer Theateranekdoten und Geschichten. Zeichnungen von Heinz Rammelt

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Edition Gamus, Dessau 2005
erschienen in: das Orchester 01/2007 , Seite 78

Die Welt der Oper, des The­aters, des Bal­letts, des Orch­esters ist voll von witzi­gen, komis­chen, manch­mal auch pein­lichen Sit­u­a­tio­nen und Vor­fällen. Was auf, unter, über, hin­ter und neben der Bühne alles schief gehen kann und tat­säch­lich schief geht, war schon immer der Stoff für Anek­doten und Leg­en­den. Wie sehr aber diese kleinen Geschicht­en Iden­tität stiften und ein kollek­tives Bewusst­sein von Kün­stlern und Pub­likum bilden und prä­gen kön­nen, zeigt der bere­its zweite Anek­doten­band aus dem Dessauer Gamus-Ver­lag.
Nach dem ersten Taschen­buch­band mit dem aus­sagekräfti­gen Titel Aber wenn der mir doch auf’n Busen latscht! (Aus­ruf ein­er Souf­fleuse, die uner­warteten „Besuch“ an ihrem Arbeit­splatz bekam) hat der Autor nach nur einem Jahr einen neuen Band mit weit­eren Begeben­heit­en aus den ver­gan­genen hun­dert Jahren des Dessauer The­atergeschichte niedergeschrieben. Dabei kon­nte er auf rund sechzig Zuträger zurück­greifen, denen nach der Lek­türe des ersten Ban­des noch weit­ere Geschicht­en in Erin­nerung gekom­men waren.
Selb­st wer kein „alter Dessauer“ ist, find­et seine Freude an diesem Buch: Sänger und Schaus­piel­er, die ihren Text vergessen haben und munter extem­po­ri­eren; tech­nis­che Abläufe, die nicht so funk­tion­ieren wie geprobt; miss­gün­stige Kol­le­gen und Scherzbolde, die den Büh­nen­ablauf mit kleinen Über­raschun­gen gar­nieren. Ein Beispiel, welch­es auch für den Titel Pate stand: „Die Opern­premiere war zu Ende. Es gab lang anhal­tenden Beifall. Das Ensem­ble hat­te sich mehrmals bei geöffnetem Vorhang ver­beugt. Nun war der Vorhang geschlossen und der Chor stand unschlüs­sig auf der Bühne, während die Solis­ten vor den Vorhang trat­en. Die Frage war: ‚Geht der Vorhang noch mal auf oder kön­nen wir in die Garder­obe gehen?‘ Da kam Inten­dant Willy Boden­stein eilig auf die Bühne und rief seinen Chor­leuten zu: ‚Bleibt steh’n! Ich laߒ noch einen zieh’n für euch!‘“ Kein Bere­ich bleibt aus­ges­part: Bal­lett, Bib­lio­thek, Büh­nen­bild­ner, Chor, Damen­schnei­derei, Inspizient, Inten­danz, Kom­parserie, Kri­tik­er, Masken­bild­ner usw.
Eine weit­ere Kost­probe unter der Über­schrift „Falsch deklar­i­ert“: „Bevor der Vater von Wern­er Müller an das Dessauer The­ater kam, war er in Augs­burg engagiert. Dort lernte er auch Heinz Röttger ken­nen, den späteren Gen­eral­musikdi­rek­tor in Dessau. Damals war er noch Kor­repeti­tor. Im Rhein­gold sang Vater Müller einen der bei­den Riesen, die das Gold der Nibelun­gen zum Rhein hin­unter zu schlep­pen hat­ten. Zur Pre­miere hat­te es die Req­ui­site beson­ders gut gemeint und neue Säcke beschafft. Als nun die bei­den Riesen ihre Säcke schul­terten, ertönte Gelächter aus dem Par­kett und von den Rän­gen, das ein­er Operette würdig gewe­sen wäre. Auf den Säck­en war groß und deut­lich zu lesen: ‚Stadthe­ater Augs­burg‘.“
Einige Illus­tra­tio­nen von Heinz Ram­melt, viele aus der Entste­hungszeit der Anek­doten, geben dem Buch einen sehr authen­tis­chen und inti­men Flair. Ins­ge­samt ein kurzweiliges, manch­mal hin­ter­gründi­ges und lesenswertes Buch, das sich auch her­vor­ra­gend zum Ver­schenken eignet.
Ger­ald Mertens