Bizet – Dvorák – Ravel

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Castigo 02431
erschienen in: das Orchester 06/2009 , Seite 68

In Erweiterung des kon­ven­tionellen, meist klas­sis­chen Orig­i­nal-Reper­toires für seine Beset­zung veröf­fentlichte das Bläserquin­tett der Staatskapelle Berlin eine CD mit Bear­beitun­gen bekan­nter Werke der Spätro­man­tik und des Impres­sion­is­mus. Zwei der drei einge­spiel­ten Ton­schöp­fun­gen sind ursprünglich für Klavier ent­standen und wur­den vom jew­eili­gen Kom­pon­is­ten selb­st für Orch­ester bear­beit­et. Das Arrange­ment für Bläserquin­tett recht­fer­tigt sich also für die sechs Stücke aus Jeux d’enfants von Georges Bizet und die vier Sätze aus Mau­rice Rav­els Le Tombeau de Couperin schon durch die His­to­rie der Werke.
Bemerkenswert ist allerd­ings, dass Mason Jones bei Let­zterem eben nicht die vier Sätze zur Bear­beitung auswählte, die Rav­el arrang­ierte: Statt der For­lane entsch­ied sich Jones für die Fugue. Und Herib­ert Breuer, Leit­er der Berlin­er Bachakademie und bewährter Arrangeur, schrieb den fünf Musik­ern kür­zlich für ein Kinderkonz­ert die gelun­genen Jeux-Bear­beitun­gen. So liegen in der Ein­spielung zehn pointierte Sätze vor, die in Form und Stim­mung eine reiche Palette der zeit­typ­is­chen Aus­drucksmöglichkeit­en wider­spiegeln.
Das ist freilich eine große Her­aus­forderung für die Inter­pre­ten. Doch hier bewährt sich das langjährige Zusam­men­spiel der Ensem­blemit­glieder, die ein­er­seits durch gemein­samen Dienst in einem der führen­den deutschen Orch­ester, ander­er­seits durch vielfältige gemein­same Kam­mer­musik­er­fahrung zu einem homo­ge­nen Klangkör­p­er zusam­mengewach­sen sind. Spritzig und voller Lebendigkeit sprudeln Bizets Toupie, Trompette und Bal sowie Bizets Rigaudon; voll dichter Klangschön­heit wer­den Berceuse, Noc­turne und das berühmte Menuet darge­boten.
Fra­g­los den größten Ein­druck auf dieser CD macht aber das „Amerikanis­che Stre­ichquar­tett“ von Antonín Dvorák in der Bear­beitung von David Wal­ter. Das ver­meintlich Unmögliche gelingt hier: die Umset­zung eines ursprünglich für vier Stre­ichin­stru­mente konzip­ierten Meis­ter­w­erks durch fünf Blasin­stru­mente wirkt abso­lut überzeu­gend. Die oft großflächig angelegten Begleit­fig­uren aus wabern­den Tremoloket­ten wirken in der Inter­pre­ta­tion durch Thomas Bey­er, Gre­gor Witt, Hein­er Schindler, Axel Grün­er und Ingo Reuter unauf­dringlich und bilden doch einen dicht­en, sonoren Klangtep­pich, über dem dann die Kol­le­gen lyrische Kan­tile­nen oder ras­ante Girlan­den ent­fal­ten kön­nen. Dabei wird die Führungsrolle im Ensem­ble immer wieder neu zugewiesen. In wech­sel­nden Kom­bi­na­tio­nen find­en sich zwei oder drei Musik­er zu in schön­ster Ein­heitlichkeit aus­ge­führten Accom­pa­g­ne­ments zusam­men – und im näch­sten Augen­blick schnellt eine der Stim­men aus dieser wun­der­bar homo­ge­nen Klang­gruppe zu solis­tis­chem Spiel empor. Das alles freilich unter einem gut durch­dacht­en musikalis­chen Aus­drucks­bo­gen. Die tech­nis­chen Bemühun­gen der Ensem­blemit­glieder dienen in jedem der charak­ter­is­tisch unter­schiedlichen Werke, ganz beson­ders aber im Dvorák-Quar­tett, ein­er geistre­ichen musikalis­chen Aus­sage.
Bernd Distelkamp