Steffen, Alain

Bitte fragen Sie

Interviews mit Musikern

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Rombach, Freiburg 2010
erschienen in: das Orchester 04/2011 , Seite 62

Inter­views kön­nen lebendig sein. Sie kön­nen den Leser zum Augen­zeu­gen machen. Sie kön­nen Wider­sprüche aufdeck­en und hin­ter­fra­gen, sie kön­nen Tem­po haben und Witz. Bitte fra­gen Sie. Inter­views mit Musik­ern heißt das Buch des Lux­em­burg­er Musikjour­nal­is­ten Alain Stef­fen. Es ist eine beachtliche Samm­lung von knapp 60 bere­its veröf­fentlicht­en, hier allerd­ings ungekürzt wiedergegebe­nen Inter­views aus den ver­gan­genen acht Jahren mit Diri­gen­ten, Pianis­ten, Geigern, Cel­lis­ten, Sängern, Kom­pon­is­ten, Inten­dan­ten und Mit­gliedern von zwei Stre­ichquar­tett-Ensem­b­les. Einige lesenswerte Essays wie der des Kom­pon­is­ten und Klar­inet­tis­ten Jörg Wid­mann über neue Musik oder Jus­tus Zeyens „Gedanken zum Lied“ run­den das inhalt­sre­iche Buch ab.
Sein großer Umfang ist jedoch lei­der von Nachteil: Zu vie­len Per­sön­lichkeit­en wer­den die gle­ichen Fra­gen gestellt, zu wenig gesprochen wirken die aufgeze­ich­neten Gespräche, zu lang sind manche Aus­führun­gen ger­at­en. Brav arbeit­et Alain Stef­fen seinen Fra­genkat­a­log ab. Er hakt nicht nach, er ver­weist nicht auf Wider­sprüche. Es fehlen Witz und Esprit, Span­nung und Über­raschung. Pianist Rudolf Buch­binder darf unwider­sprochen Sätze sagen wie: „Ein erstk­las­siger Instru­men­tal­ist wird nie auf his­torischen Instru­menten spie­len.“ Diri­gent Kurt Masur schwärmt vom authen­tis­chen Beethoven-Klang des Gewand­hau­sor­ch­esters Leipzig, ohne dass Stef­fen nach­hakt, was diesen Klang denn eigentlich aus­mache. Die Antworten sind zu lang, die Fra­gen manch­es Mal auch. Dass keine Kurzbi­ografien beige­fügt sind und auch auf Porträt­fo­tos weit­ge­hend verzichtet wird, ist eben­falls wenig erfreulich.
Den­noch find­et sich viel Lesenswertes in diesem Buch – was an den hochkaräti­gen Gespräch­part­nern liegt. Beson­ders die Inter­views mit den Sängern sind lohnend, weil sie sich von den üblichen Phrasen ent­fer­nen. Simon Keenly­side berichtet von der Fär­bung der Stimme bezüglich bes­timmter Rollen, Diana Dam­rau ist verzückt vom Liedge­sang („Lieder sin­gen ist wie Achter­bahn fahren“). Auch Rück­blicke von Ernst Hae­fliger und Anja Sil­ja auf die Ensem­blekun­st nach dem Zweit­en Weltkrieg und die Arbeit Wieland Wag­n­ers sind hoch inter­es­sant.
Bei der his­torischen Auf­führung­sprax­is sind die Fron­ten ver­härtet zwis­chen den extremen Geg­n­ern (u.a. Mau­r­izio Polli­ni, Rudolf Buch­binder, Ernst Hae­fliger, Adam Fis­ch­er) und den Befür­wortern (radikal: Jos van Immerseel, eher aus­gle­ichend: Sol Gabet­ta). Dass sich in der heuti­gen Musikprax­is schon längst die bei­den Wel­ten begeg­nen, bleibt uner­wäh­nt.
Wiederkehrende The­men­felder sind Werk­treue, Inter­pre­ta­tion, neue Musik, Even­tkul­tur und das Musik­leben in der DDR. Hier bericht­en Kurt Masur, Her­bert Blom­st­edt, Peter Rösel, Jan Vogler und das Klenke-Quar­tett von inten­sivem Musizieren hin­ter dem Eis­er­nen Vorhang. Stéphane Denève erk­lärt lebendig das franzö­sis­che Musikver­ständ­nis, Hélène Gri­maud gibt inter­es­sante Ein­blick in ihr musikalis­ches Leben. Und Pianist Lars Vogt schwärmt vom „auskom­ponierten Orgas­mus“ in Brahms’ f-Moll-Sonate.
Georg Rudi­ger