MacAlindin, Paul

Bis der letzte Ton verklingt

Die Geschichte des irakischen Jugendorchesters

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Heyne, München 2017
erschienen in: das Orchester 07-08/2017 , Seite 60

Dass Diri­gen­ten Büch­er schreiben ist nichts Beson­deres. Dass es in diesen Büch­ern um die einzi­gar­tige Zusam­me­nar­beit mit einem bes­timmten Orch­ester geht auch nicht. Das Buch des Diri­gen­ten Paul MacAlindin ist aber den­noch eine Aus­nah­meer­schei­n­ung, denn es han­delt vom Auf­bau und der Arbeit mit dem ersten nationalen Jugen­dorch­ester des Iraks.
MacAlindin ist Schotte, war lange Assis­tent von Sir Peter Maxwell Davis beim Scot­tish Cham­ber Orches­tra, dem BBC Phil­har­mon­ic und beim Roy­al Phil­har­mon­ic. Er leit­ete Orch­ester wie die New Zealand Sym­pho­ny, die Ton­halle Düs­sel­dorf und das Nation­al Youth Orches­tra of Scot­land. Wie kam es also, dass MacAlindin zum Mit­be­grün­der eines Jugen­dorch­esters in einem kriegs- und krisen­er­schüt­terten Land wie dem Irak wurde?
MacAlindin saß im Okto­ber 2008 bei Bier und Fish’n’Chips im Pub und las den Glas­gow Her­ald, als ihm die Anzeige der damals siebzehn­jähri­gen irakischen Pianistin Zuhal Sul­tan ins Auge stach: „Britis­ch­er Mae­stro für Orch­ester­grün­dung im Irak gesucht.“ In sein­er Erzäh­lung wird dies zu einem schick­sal­haften Moment stil­isiert. Bere­its einen Monat später führten Zuhal Sul­tan und Paul MacAlindin erst­mals ein Gespräch via Skype und begrün­de­ten damit ihre Zusam­me­nar­beit. Nur ein Jahr danach reiste MacAlindin für das erste vierzehn­tägige Musik­camp nach Sulaimaniyya, in den kur­dis­chen Teil des Iraks. Die Musik­er wur­den zuvor über Skype aus­gewählt oder durch Auf­nah­men, die über das Inter­net ver­schickt wur­den – keine Selb­stver­ständlichkeit, wenn die Verbindung dauer­haft schlecht ist und immer wieder der Strom aus­fällt.
Den­noch kommt eine spielfähige Truppe zusam­men und das Pro­jekt nimmt rasch Fahrt auf: 2011 wird das Jugen­dorch­ester zum Beethoven­fest nach Bonn ein­ge­laden, 2012 konz­ertiert es beim Edin­burgh Fes­ti­val und 2013 in Aix-en-Provence. Ein schön­er Beweis dafür, was gemein­sames Musizieren bewirken kann, denn der Irakkrieg von 2003 ist schließlich an keinem der jun­gen Musik­er spur­los vor­beige­gan­gen.
All das klingt wie eine Erfol­gssto­ry. Doch die Real­ität sieht anders aus: Bere­its 2013 begin­nt sich der Islamis­che Staat im Irak auszubre­it­en. Obwohl das Buch also kein Hap­py End bere­i­thält, ist es Ans­porn und Mut­mach­er. Mehr noch: Es ist ein ehrlich­es Buch, was sich auch in MacAlindins mitunter flap­sig bis der­ber Sprache zeigt: Da ist beispiel­sweise wenig beschöni­gend von einem „Haufen Klein­holz“ die Rede, wenn es um das Instru­ment des ersten Fagot­tis­ten geht. Das Buch zeigt eine Jugend­be­we­gung in einem Land, das im West­en unter Gen­er­alver­dacht ste­ht. Statt Ter­ror und religiösem Fanatismus wün­schen sich die Jugendlichen die Möglichkeit, klas­sis­che Musik zu machen, ihre Tal­ente zu ent­fal­ten und Gehör in der Welt zu find­en. Mit seinem Buch trägt Paul MacAlindin dazu bei, dass eine bre­ite Öffentlichkeit von diesen jun­gen Men­schen erfährt. Es ist „den muti­gen jun­gen Musik­ern des Irak“ gewid­met.
Desiree May­er